[Mai 2008] Wo ist mein Zuhause?

T

The Fnord

Guest
Während der Wind durch die Bäume pfiff und das Laub in Erregung versetzte saß Jack auf der Motorhaube seines Geländewagens. In den Händen hielt er seine custom-made Country-Akustikgitarre der Marke Takamine. Der Glockenturm zeigte Mitternacht an und die Umgebung verlor sich in Jacks Wahrnehmung. Es gab keine Existenz. Es gab keine Materie. Es gab nur ihn und die Musik. Schwermütige Klänge drangen durch das Dunkel und eine Stimme machte sich bemerkbar:

Packed up my guitar and a suitcase full of clothes
And I went looking for a better place to hide
Ride across the border in a broken down humvee
With a bottle and a rifle in my hands

On and on and on and on the miles stretch for hours
The radio keeps spitting out the tunes
Every other song is just another tired rhythm
Another tired lover's tune

It's a long, long way back to Alabama
Where I come from, where I've been
It's a long, long way back to Alabama
But I promise I will see you again

Through the ice and fog this morning the sun is coming up
I'm standing on the shores of the Hudson Bay
Over glass fired violet, silence, silence
Calling up the day

And every man is an island, an island
In his own special way
There's a white ghost out on the water, the water
With one good song and nothing else to say

It's a long, long way back to Alabama
Where I come from, where I've been
It's a long, long way back to Alabama
But I promise I will see you again
In heaven

Jacks Gesicht wirkte schmerzverzerrt und dennoch glücklich. Wo war bloß sein Platz in dieser Welt? Jack wusste diese Frage nicht zu beantworten. Er tat das, was er immer tat: Sich niemals in Verbindlichkeiten begeben...
 
Oioioioioi, soviel köstlicher Weltschmerz.
Er selbst hatte schon lange keinen Traum mehr zustande gebracht, der ihn zu Tränen hätte rühren können. Und dabei war der Sänger da nicht aus der Familie. Wenn Schmidt ganz genau hinsah, dann war der Musiker nichteinmal eine verträumte Rose. Ein wenig gebannt stand der Alte da und staunte. Er hatte sich nicht vorstellen können, das der Clan der Gelehrten heutzutage noch Poeten hervorbringen könnte.
Das tat weh. Wo er sich doch sonst alles mögliche und unmögliche vorstellen konnte, darauf wäre er nicht gekommen.
Einen Augenblick lang schwebte über Jack der Wunsch eines uralten Malkavianers, ihm etwas Gutes zu tun. Schmidt wollte irgendwie Danke sagen, das ihm etwas Unvorstellbares gezeigt worden war.
Doch schlußendlich blieb Jack von diesem zweifelhaften Segen verschont. Schmidt sah ein, das dieser ganz erstaunliche Ausnahmebrujah seinen eigenen Weg gefunden hatte. Was sollte er mit Schmidt's Weg anfangen ? Nein, das wahr absolut nutzlos.
So eigenartig es dem Alten auch anmutete, dieser Kerl da war möglicherweise weiter als er selbst. Dem konnte er garnicht helfen, da wurde eher umgekehrt ein Schuh daraus. Also was schenkte man dem Mann, der schon alles hatte ?
Doch am Ende kam Schmidt schließlich darauf, was er einem solchen Manne schenken konnte.
Etwas, das sich viele von ihm wünschten und nie bekämen.
Nämlich in Ruhe gelassen werden.
Schmidt würde diesen Kerl hier einfach vollkommen in Ruhe lassen.
Andere Kainiten hätten sonstwas gegeben, wenn Schmidt dasselbe mit ihnen gemacht hätte, aber dieser Brujah hatte nur singen müssen.
Wer hätte gedacht, das zwischen all den Kindern hier, tatsächlich ein Erwachsener war. Wahrscheinlich wußte der es noch nichtmal.
So blieb der Geist von Jack vom alten Malkavianer unangetastet und würde es fortan auch bleiben.
Nur ein musikalisches Gefühl konnte er nicht ganz unterdrücken. Ein Gefühl, das sich in Jack's Kopf so anhörte...



Das wars. Mehr würde Jack nicht von Schmidt bekommen. Was für ein Glückspilz...
 
Jack war weder klug noch poetisch. Jack war einfach Jack. Vielleicht war er auch der größte Idiot, den die Welt jemals gesehen hatte. In Anbetracht all seiner Fehlentscheidungen zu Lebzeiten und nach seiner Erschaffung wirkte der Musikant auf den alten Malkavianer noch tragischer als ohnehin schon. Jack spürte den Blues. Der Blues war das Einzige, was ihn noch bei Verstand hielt. Der Alte spürte Erinnerungsblitze. Momentaufnahmen aus Detroit, Vancouver und Tijuana ergriffen Besitz der Aufmerksamkeit.

Oh, was war Jack nur für ein Ignorant gewesen? Wie konnte er sich damals nur auf den Sabbat einlassen? War es die Ekstase? War es die vermeintliche Freiheit? Vielleicht ja, vielleicht nein. Während vieler Auftritte mussten Menschen ihr Leben lassen. Jack blendete die Tatsache während seiner Konzerte in den 80er Jahren völlig aus.

Der Blues ergriff Jacks aktuelle Wahrnehmung. Auf seiner Takamine spielte er nun Country-Musik, die er mit Hard-Rock kombinierte. Jack verblieb stimmlos, doch allein der Klang der Saiten beschrieb auf vielfältige Art eine Sehnsucht nach der Heimat, in welche er jedoch nie wieder zurückkehren durfte. Noch immer auf der Motorhaube sitzend stampfte Jacks rechter Fuß auf und ab. Das arme Auto...
 
Malik war durch die Nacht gewandert um sich ein wenig mehr an die Stadt zu gewöhnen und sie zu erkunden. Er hatte sich entschieden länger in Finstertal zu bleiben und da er nun einmal die Geißel war, musste er die Stadt wie seine Westentasche kennen. Daher hatte er sich heute Nacht entschieden ein wenig seine Beine zu benutzen und durch die Domäne zu wandern, wobei er immer auch auf der Suche nach Beute war.

Als er schon eine gute Stunde unterwegs war, wehte der Wind plötzlich Musik an seine Ohren. Doch war es nicht wirklich Wind, der ihm die Musik zuflüsterte, denn es war vollkommen Windstill um ihn herum. Auch hörte sich die Musik nicht an als wäre sie für die Öffentlichkeit gespielt, sondern Privat und nicht für Fremde Ohren beziehungsweise Geister bestimmt. Malik hatte das Gefühl, dass er nicht zuhören sollte, doch kannte er den Geschmack im Wind und er würde sich so eine Gelegenheit nicht entgehen lassen, einen kleinen Blick auf Schmids Gedanken zu werfen. So öffnete er seinen Geist, wobei er gleichzeitig seine Macht der Verschleierung in sich rief um vielleicht nicht sofort von dem Alten entdeckt zu werden. Vielleicht war dies auch der Weg, wie er sich in der Zukunft vor Schmids ungebetenen Besuchen schützen konnte.

Malik war nach langem Grübeln auf die Idee gekommen, seine Kraft der Verschleierung auf seine Gedanken anzuwenden. Wenn er andere dazu bringen konnte ihn nicht direkt anzusehen, warum sollte er es nicht auch schaffen können andere daran zu hindern seine Gedanken zu lesen und ihn telepathisch zu finden. Einen Versuch war es auf alle Fälle wert und irgendwann musste man ja einmal den ersten Versuch starten.

So griff Malik nach der Musik, die er hörte und legte gleichzeitig einen Schleier auf seine Gedanken. Vielleicht war er unauffällig genug, dass Schmidt ihn nicht beachtete. Doch so schnell wie die Musik erklungen war, so verschwand sie auch wieder und der Schwarze konnte nur kurz einen Blick auf sie werfen, eh sie sich verlor. Doch spürte er etwas Anderes oder besser gesagt jemand Anderen, der die Musik weiter trug nur diesmal laut und deutlich für die Öffentlichkeit. War etwa ein weiteres Mondkind in der Stadt? Oder hatte er einen von Schmids Agenten gefunden?

Die Geißel lächelte kalt und folgte nun die Klängen der Musik, wobei er den Schleier um sich verdichtete. Als er am Glockenturm ankam, sah er wie Jack auf der Gitarre spielte und wusste, dass er den richtigen gefunden hatte. Doch war es ein Mensch oder Kainit? Malik schlich näher an den Spieler heran und beobachtete ihn aufmerksam. Sein Erzeuger hatte ihn beigebracht, wie man Kainiten auch ohne einen Aurenblick erkennen konnte und so schaute er nun auf die Merkmale, die einen Untoten von einen Lebende unterschieden. Die Geißel ließ sich Zeit und beobachtete Jack gute fünf Minuten und lauschte seiner Musik. Der Junge hatte Talent und Malik mochte seine Musik und die Gefühle, die in ihr mitschwangen. Wenn er kein Kainit war, so würde er von ihm trinken, dass stand schon einmal fest.

Nachdem Malik sich sicher war, dass er es hier mit einem Kainiten zu tun hatte, ging er enttäuscht ein paar Meter hinter Jack und ließ den Schleier um sich fallen. Mit gut hörbaren Schritten ging er nun auf ihn zu und sprach ihn von hinten an.

"Ein interessanter Song. Selbst geschrieben?" Malik war in legerer Kleidung unterwegs, ein T-Shirt und Jeans, wobei er keine Jacke anhatte, was um diese Jahreszeit doch etwas mutig war, da es nicht gerade warm war.
 
Malik hätte in Jacks Aura vornehmlich drei scharfe, flackernde Farben wahrnehmen können. Während Jack spielte, mischte sich violett mit grau und rot zu einem stürmenden Orkan zusammen. Doch warum war der Musiker von Depressionen, Wut und Aufregung in einem tiefen Wachtraum der Klänge versunken?

Jack hatte noch immer die Augen geschlossen. Er spielte völlig blind auf dem japanischen Instrument aus Edelholz. Er wirkte ziemlich abwesend und gedankenverloren, doch das änderte sich sehr schnell als Malik ihn ansprach. Vor Schreck wäre ihm beinahe die teure Gitarre aus der Hand gefallen. Jack schaffte es zwar die Gitarre fest zu umklammern, doch er selbst rutschte mit dem stampfenden Fuß ab und machte einen unfreiwilligen Abgang von der Motorhaube auf die breite Stoßstange des Geländewagens hinunter.

"Wie bitte?", fragte er völlig aus den Gedanken gezogen. Jack legte die Gitarre zurück in den offenen Koffer und zog seine schwarze Lederjacke zurecht. Nach einem kurzen, musternden Blick beantwortete er die eigentliche Frage.

"Welches Lied meinst Du? Das Erste habe ich schon vor einigen Jahren veröffentlicht und das Zweite kam mir vorhin spontan in den Sinn. Mir war ein wenig nach Improvisation zumute. Ich bin Jack. Und Du bist...?"

Hätte Jack gewusst wen oder was er da so mir nichts dir nichts duzte, wäre seine Aura wohl sehr schnell in ein tiefes Orange verfallen und er hätte panisch die Flucht ergriffen. Doch hier draußen wusste Jack nicht warum er irgendeinen zufälligen Passanten für einen Vampir oder gar für die Exekutive der Stadt halten sollte.

Jack war wie immer einfach nur er selbst. Er war niemand, der sich unnötig unbeliebt machte oder zu große Verpflichtungen einging. Das Schicksal lehrte ihn, diese Fehler nie wieder zu begehen.
 
Malik musste schmunzeln, als Jack sich so erschreckte und dann offen auf ihn zukam. Wahrscheinlich wusste er nicht, wer da vor ihm stand, doch der Geißel gefiel es, endlich mal mit jemanden zu sprechen, der ihn nicht hasste, vor Ehrfurcht erstarrte oder einfach so auf seine Worte achtete, dass alles gestellt klang. Wahrscheinlich würde dieser Zustand schnell vergehen, doch Malik würde die kurze Zeit genießen.

So bot er Jack auch die Hand an und antwortete ihn. "Ich bin Malik." Die Hand des Schwarzen war kalt, was aber bei seiner leichten Kleidung und der kühlen Nachtluft nicht unbedingt ungewöhnlich sein musste. "Ich bin zufällig vorbei gekommen, als ich diesen Blues? hörte." Malik war sich nicht sicher, welche die Richtung der Musik war, daher war seine Antwort auch eine kleine Frage.

"Ich habe mich gewundert, wer hier wohl so ganz allein ein paar Lieder spielt. Ich wollte dich nicht stören, du kannst gerne weiter spielen, wenn du willst." Malik war wie alle Untoten natürlich auch etwas Blass im Gesicht, doch bei einem Schwarzen war dies natürlich schwer festzustellen, wenn es auch noch Nacht war und kaum Beleuchtung da war.
 
Freudig ergriff Jack die Hand der Geißel und erwiderte den Gruß.

"Schön dich kennenzulernen, Malik. Hm, irgendwie war es anfänglich Folk-Rock und ging danach in Country mit Hard-Rock über. Aber es stimmt wohl, der Blues war definitiv mit dabei. Wenn man mit dieser Musik groß wird und sie einen das ganze Leben lang begleitet, fließt der typische Klang auch in alle anderen Stilrichtungen mit ein, die man danach gelernt hat."

Jack fegte sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und rückte seine Brille zurecht.

"Ach, eigentlich bin ich schon fertig mit dem Üben. In der Stadt gibt es ein Tonstudio namens Klangfabrik und dort wollte ich meine neue CD aufnehmen. Vorher muss ich allerdings noch passende Gastmusiker finden, die mich dabei unterstützen. Für die Zeit komme ich bei einigen entfernten Verwandten unter. Und in ein paar Tagen gebe ich ein Konzert in einem Club namens Black Hammer. Kennst du den zufällig? Was ist eigentlich mit dir? Musst du morgen früh gar nicht arbeiten oder wieso bist du zu so später Stunde noch auf den Beinen?"

Jack hatte nicht die blasseste Ahnung, dass er sich gerade ebenfalls mit einem entfernten Verwandten unterhielt, aber seine Aufmerksamkeit war noch nie die Beste gewesen...
 
"Ah! Also ein Neuankömmling in unserer schönen Stadt." Neuankömmling, der Jack heißt..mh...da war doch ein Brujah...Mittlerweile passte alles ins Bild und Malik erinnerte sich an die neusten Akten, die er von der Akademie bekommen hatte.

"Ich bin ein Nachtschwärmer musst du wissen und habe keine wirklichen festen Arbeitszeiten. Sobald ich aufwache, fängt meine Arbeit an und solange ich präsent bin und erreichbar, kann ich meine Zeit verplanen wie ich will. Ich bin in der Sicherheitsbranche für die Stadtführung tätig und unterstütze die hiesigen Ordnungshüter dabei, wenn es spezielle Krisenfälle gibt." Malik zuckte leicht mit den Schultern. "Wir hatten in der letzten Zeit ziemlich viel Chaos, doch nun ist es etwas ruhiger."

"Wie heißen den deine alten Alben? Dein kleines Konzert hier hat sich interessant angehört."
 
"Danke für das Lob. Ich freue mich immer, wenn jemand meine Arbeit mag. Du bist also als freier Mitarbeiter der Stadt angestellt? Wie muss ich mir das vorstellen? Eine Art Privatdetektiv oder Berater? Erzähl doch mal. Das klingt auf jeden Fall interessant. Ich bin selbst auch so ein Nachtschwärmer. Wenn man immer in den späten Abendstunden mit der Arbeit beginnt, verschiebt sich der Tag-Nacht-Rhythmus doch ziemlich. Und da ich wegen meines Berufs immer viel von Ort zu Ort fahren muss, ziehe ich Nachtfahrten vor. Die Straßen sind frei, ich bleibe nicht im Stau stehen und komme immer pünktlich."

Die Geißel fragte Jack also nach seinen alten Alben? Wollte Malik wirklich nach dem vollen Umfang von Jacks Arbeit unter seinem aktuellen Pseudonym fragen? Nun, wenn man Jack etwas fragte, dann gab er auch ehrliche und detaillierte Antworten:

"Oh, da gibt es die Train Ticket von 2000, die Black River von 2001, die Nowhere In Particular und die Down By The Seaside von 2002, The Ballad Of Myself von 2003, das Doppelalbum Yesterday's Dream / Sinner's Street von 2004, Homesick For The Road von 2005, What I Live For von 2006 und die Blues Deluxe von 2007. Das sind jetzt aber nur die Blues, Folk, Country und Blues-Rock CD's. Die Rock, Metal und Experimental Platten werden mit Provision über Umwege von einem anderen Plattenlabel als Bluesky veröffentlicht. Oh, tut mir Leid, ich schweife ab. Wahrscheinlich langweile ich dich sowieso mit den Namen und Zahlen."

Jack blickte etwas verträumt zum Sternenhimmel empor. Danach wandte er sich wieder an Malik.

"Du, sag mal, du bist heute schon der Zweite, der mir erzählt, dass hier in letzter Zeit sehr viele Probleme in der Stadt waren. Im Autoradio habe ich davon aber nichts mitbekommen. Kannst du mir das vielleicht etwas genauer erklären?"

In Jacks Hinterkopf ratterten die kleinen Zahnräder des Gedächtnisses. Er hatte ein Deja-Vu. Den Namen Malik hörte er doch nicht zum ersten Mal seit er in der Stadt war. Oder bildete er sich das ein? Nein, ganz sicher nicht. Aber woher kannte er den Namen dann bloß? Jack verwarf den Gedanken. Das war doch eh sinnlos, sich über so etwas den Kopf zu zerbrechen und außerdem wäre es unhöflich, wenn er sich nicht auf das eigentliche Gespräch konzentrierte.
 
Malik war leicht überrascht, dass Jack so viele Alben hatte, aber vielleicht konnte er sich das ein oder andere merken.
"Hast ja eine ganze Menge zusammen geschrieben, wie lange bis du schon im Musikgeschäft?"

"Was meinen Job angeht...mh...wie sage ich es galant...ah...ich bin der einzige Doppelnullagent der Stadt." Malik Lächelte seinen Gegenüber breit an und es lag an Jack, ob er es als Scherz sah oder als Wahrheit.

"Die Schwierigkeiten der Stadt sind leicht erzählt. Irgendein Irrer hat versucht die herrschende Klasse hier zu vernichten." Malik zuckte wieder mit den Schultern, als wäre das nichts Neues für ihn oder keine große Sache. "Zum Glück konnten wir ihn daran hindern. Die Medien haben davon nichts berichtet, weil wir keine Panik auslösen wollten und..." nun grinste Malik wieder "...die Maskerade gewahrt bleiben sollte." Damit sollte Jack nun wissen, dass er es mit einem Artverwandten zu tun hatte.
 
"Also richtig im Musikgeschäft aktiv bin ich erst, seit ich Mitte zwanzig bin. Zuvor stand stand mir der Militärdienst im Wege. Aber Gitarre spiele ich schon, seit ich eine in der Hand halten konnte. Mein Vater war Gitarrenbauer. Mir wurden die Anlagen also gewissermaßen in die Wiege gelegt."

Jacks Äußeres ließ sich ungefähr auf Anfang dreißig schätzen, von daher schienen die Angaben zu stimmen. Natürlich erwähnte Jack gegenüber dem Passanten nicht, dass er schon einige Jahre mehr hinter sich hatte. Gelogen hatte er genau genommen nicht. Doch langsam aber sicher erfüllten Jacks graue Zellen ihr Tagewerk. Er erinnerte sich, wo er den Namen Malik heute Nacht bereits gehört - oder besser gesagt - gelesen hatte. In der Mappe war ein Malik Trapper aufgeführt. Dieser hatte laut Angabe das Amt der Geißel inne. Jacks seelische Beherrschung verselbstständigte sich und all seine Nervositäten verblichen im Hintergrund seines Denkens. Auch als Musiker musste man ein gewisses schauspielerisches Talent und eine allgemeine Gelassenheit besitzen. Dies war besonders von Nöten, wenn einem all zu neugierige Journalisten Mikrofone unter die Nase hielten und etwas über das Privatleben des Künstlers wissen wollten. Nun sprach Malik davon, dass dieser ein Doppelnullagent war. Jack erinnerte sich nun auch, wie Malik von der Stadtführung sprach und nicht vom Stadtrat, so wie Jack es mit seinen bisherigen Deutschkenntnissen gelernt hatte. Langsam verdichtete sich der Verdacht. Das Puzzle begann Sinn zu machen. Doch war dies eine wirklich zufällige Begegnung oder hatte ihn Malik tatsächlich verfolgt? Und wenn ja, warum? Etwa in Sybille d'Auvergnes Auftrag?
Der nette Brujah wurde nun sehr misstrauisch. Anmerken ließ er sich dies jedoch nicht. Als Malik ihm dann auch noch offenbarte, dass er zumindest der Camarilla angehörte, wechselte das Gespräch in eine Richtung, die sich wohl nicht einmal die Geißel hätte ausmalen können. Jack lehnte sich schräg an sein Auto, die Arme vor der Brust verschränkt.

"Als Geißel der Stadt fällt es natürlich in deinen Aufgabenbereich, dich um solche Probleme zu kümmern. Aber handelte es sich beim Feind wirklich um einen Irren oder war es jemand, der mit den Regeln der Camarilla nicht so ganz einverstanden war? Es kommt ja nicht gerade selten vor, dass man jene diffamiert, die einem im Wege stehen oder den eigenen Idealen nicht ausreichend genug entsprechen. Ach ja, wenn du mir eine weitere Frage gestattest: Handelt es sich hier wirklich um eine zufällige Begegnung oder hat dich die Archontin d'Auvergne auf meine Spur angesetzt?"

Jack war keineswegs so einfältig, wie er sich stets nach außen hin gab. Sein Verstand konnte messerscharf sein, wenn er dies wollte oder die Situation ihn dazu zwang. Der Brujah hatte seine Hausaufgaben gemacht. Doch woher besaß dieser nichtsnutzige Neonate überhaupt den Mut dazu Malik weiterhin frech zu duzen und ihm somit vor den Kopf zu stoßen? War Jack etwa lebensmüde?
 
Da Malik schon beschlossen hatte, Jack zu mögen, wenn er seine Art nicht ändern würde, machte es ihm nichts aus, dass der Brujah so mit ihm sprach. Es wäre für Jack sogar schlecht gewesen, wenn er plötzlich förmlich geworden wäre.

"Ich glaube der Irre hielt wirklich nicht viel von den Regeln der Camarilla, da er schon lange vor ihrer Gründung auf der Welt wandelte. Aber da er versucht hatte jeden einzelnen Kainiten in der Domäne zu töten mein junger Freund, war das Verhältnis zur Camarilla das kleinste Problem, was wir mit ihm hatten." Malik lächelte immer noch und stand entspannt da, wobei er jedoch nicht dumm genug war, einem jungen Brujah zu unterschätzen, falls dieser plötzlich den Drang verspüren sollte gewalttätig zu werden.

"Was deine zweite Frage angeht, als Geißel unterstehe ich nur dem Prinzen der Domäne und nur er hat die Macht mir zu befehlen jemanden zu töten. Und da dieser wahrscheinlich nicht einmal notiz von dir genommen hat, kannst du dich entspannen.

Ich mag deine Art Kleiner und deshalb werde ich ein wenig mein Wissen mit dir teilen. Ein ziemlich Altes Mondkind hat mich auf deine Spur gebracht und zurzeit bin ich mir noch nicht sicher, ob du davon überhaupt eine Ahnung hast. Daher frage ich dich einfach mal direkt. Warum bis du in diese Stadt gekommen?" Die Geißel war immer noch vollkommen ruhig, als würde sie über das Wetter reden oder ein anderes Thema, was für Smalltalk geeignet war.
 
Jack wurde innerlich wesentlich entspannter, als er merkte, dass Malik ihm zumindest soweit traute, dass er ihm verborgenes Wissen mitteilte. Dennoch verharrte der junge Nomade in stoischer Ruhe und in der gleichen Pose wie zuvor am Wagen. Lediglich seine Gesichtszüge wirkten ein klein wenig gelassener, wenn man ganz genau hinsah.

"Älter als die Camarilla?" Jack zog verblüfft die Augenbrauen hoch und lukte neugierig über seine Brillengläser. "Ich frage mich ja, was ein so altes Wesen für einen Nutzen davon hat so offensichtlich in Erscheinung zu treten und sich dadurch angreifbar zu machen. Wäre es für die wirklich Mächtigen nicht viel klüger sich im Hintergrund zu halten? Ich sage ja immer leben und leben lassen. Ich weiß, das klingt dumm und naiv, aber für mich hat sich diese Philosophie besonders in den letzten 15 Jahren sehr bezahlt gemacht. Warum also attackierte euch der Ahn? Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass er in euch eine echte Bedrohung sah. Warum also nicht im Hintergrund bleiben?"

In Jacks Augen ließ sich wahre Verblüffung erkennen. Er konnte sich einfach nicht vorstellen wieso ein beinahe gottgleiches Wesen grundlos so sehr hervor preschen sollte. Andererseits wusste er, dass sein Verständnis von ewigem Leben nur sehr begrenzt war. Somit konnte es durchaus plausibel sein, dass die Alten immer mehr zu Schatten ihrer selbst wurden.

"Es tut mir Leid, dass ich so misstrauisch nachgefragt habe, aber bei uns in der neuen Welt tauchen so spezielle Amtsinhaber wie Archonten eigentlich nie auf. Von daher weiß ich nicht wo die Befugnisse von Archonten anfangen und wo sie enden. In meiner Heimat habe ich nie Notiz von so hohen Würdenträgern genommen. Besonders im Westen gibt es dort so gut wie keine Vertreter eurer Organisation. Das hat mich damals in den Neunzigern sehr erstaunt, als ich dort mehrere Konzerte spielte und neue Alben aufnahm. Verstehe mich bitte nicht falsch, es ist nicht so, als würde ich die Camarilla und ihre Gesetze nicht respektieren, doch in den Staaten laufen die Dinge wie gesagt ein wenig anders als hier auf dem alten Kontinent. Meinetwegen kannst du mich jetzt für meine Ehrlichkeit bestrafen. Tu dir keinen Zwang an. Wenn du mich nun verachten und angreifen solltest, dann sei dem so. Andererseits solltest du explizit bedenken, dass ich mich immer nur den Gegebenheiten angepasst habe. Und die, die im Westen von der Camarilla als Anarchen bezeichnet wurden, sind meiner Meinung nach bloß Leute wie du und ich, die irgendwie über die Runden kommen wollen. Sie erhalten die Maskerade aufrecht, sie kümmern sich um die Probleme der Baronien... So große Unterschiede sah ich dort nicht. Ich hatte lediglich den Eindruck, dass die Genossen an der Westküste ihre persönlichen Rechte weitaus energischer verteidigten. Aber das ist wie gesagt nur meine bescheidene Meinung zu dem Thema."

Mondkind... Mondkind? Was um alles in der Welt war ein Mondkind? Jacks muttersprachlicher Wortschatz wirbelte in seinen Gedanken umher. Er erinnerte sich an die Lunar Explorations, die Monderkundungen. Und lunatic bedeutete auf Englisch wahnsinnig oder verrückt. Meinte Malik etwa einen alten Malkavianer?

"Bevor ich dir die finale Freiheit gebe mich zu Kleinholz zu verarbeiten, möchte ich deine letzte Frage noch beantworten. Sofern du mit altem Mondkind einen mächtigen Malkavianer meinen solltest, dann muss ich sagen, dass ich davon nichts weiß. Ich bin in der Stadt, weil mir mein Agent Studiozeit und ein Konzert in Finstertal verschafft hat. Und mein Agent ist ein Mensch. Du darfst dich gern davon überzeugen. Seine Telefonnummer ist in meinem Mobiltelefon gespeichert. Nachdem du mich also in eine Urne verbannt hast, kannst du direkt auf Nummer sicher gehen und meine Aussage überprüfen. Für Gewissensbisse wird es dann aber leider ein wenig zu spät sein."
 
Malik gluckste leicht vor sich hin. "Warum sollte ich dich zu Kleinholz verarbeiten? Bis jetzt hast du dir in dieser Domäne nichts zu Schulden kommen lassen und solange das so bleibt, hast du von mir nichts zu befürchten." Der Schwarze glaubte Jack, dass mit Schmidt fürs erste, auch wenn er ihn weiter unter Beobachtung lassen würde. Vielleicht hatte Jack jetzt noch nichts mit ihm zu tun, aber gestriffen wurde er von ihm schon.

"Was den Ahn angeht, so sagte ich doch, er war Irre. Ein alter Tzimisce, der schon vor langer Zeit das zeitliche segnen sollte, aber einfach zu stur und zu mächtig war, dies zu akzeptieren. Wenn du mehr darüber erfahren willst, sprich am besten mit der Harpyie oder so, ich bin nicht wirklich der große Geschichtenerzähler.

Ach und was die neue Welt angeht. Ich bin dort geboren worden, als Mensch und als Kainit und weiß genau, was dort die letzten 100 Jahre passiert ist. Ohne das Eingreifen der Camarilla, wären deine Anarchen jetzt Zahnstocher für den Sabbat." Eh Malik jedoch ausholte und noch mehr die Camarilla pries winkte er mit der Hand ab.

"Doch auch das, kannst du besser von anderen hören als von mir. Ich glaube ich sollte mich dann auch einmal formell vorstellen." Die Geißel lächelte noch immer, scheinbar schien der Schwarze sich gut zu amüsieren.

"Ich bin Malik Trapper, Ahn des Clanes der Malkavianer, Primogen der Malkavianer zu Finstertal und Finsterburg, Geißel eben jener beiden Domänen und Veteran der Sabbatkriege. Doch da ich dich mag kleiner, kannst du mich einfach Malik nennen."
 
Jack konnte große Teile seiner all zu lockeren Fassade nicht mehr aufrecht erhalten. Ihm fiel sichtlich ein unsagbar schweres Gewicht von den Schultern, als Malik ihm Auszüge seiner früheren Aufenthalte nicht weiter übel nahm. Jack war es gewohnt cool zu sein wenn er auf der Bühne stand, doch keine volle Minute zuvor riskierte er seine Existenz durch seine Aufrichtigkeit. Jack verspürte einen Suchtdrang, wie er ihn auch vor seinem menschlichen Tod verspürte. In Jacks linker Ellenbeuge kribbelte es. Eigentlich kribbelte es nicht, doch er dachte, dass dem so wäre. Also ließ Jack sich langsam aber sicher von der Seite des Wagens hinunter auf den Asphalt gleiten. Um das psychosomatische Zittern zu verbergen setzte er sich im Schneidersitz auf seine linke Hand.

Bildete Malik sich das nur ein oder war Jacks Gesichtsfarbe nun in einen kaum merklichen Rot-Ton getaucht? Nein, Maliks Wahrnehmung war nicht beeinträchtigt. Aus Jacks Poren heraus bildete sich ein dünner Blutfilm von Angstscheiß. Einem Menschen mochte dies kaum auffallen, doch die Geißel würde es mit Sicherheit registrieren. Jacks Stimme wirkte gebrochener als zuvor.

"Die Harpie? Ihr Name stand doch auch in den Akten, nicht wahr? Eine Frau namens Antonia? Oder verwechsle ich sie? Was genau ist eigentlich ein Tzimisce?"

Das Zittern des Arms wurde stärker.

"Und warum meine Anarchen? Ich habe nie behauptet zu ihnen zu gehören. Ich wurde in einer Camarilla-Domäne geboren und erschaffen. Sogar in ein und der Selben. Ich habe mich lediglich aus beruflichen Gründen in L.A. während der frühen Neunziger aufgehalten! Wer bist du überhaupt, mich in eine Schublade stecken und verurteilen zu wollen? Du kannst der Primogen und Ahn oder König Schrägstrich Imperator von wem auch immer sein! Das ist mir doch egal!"

In einer verzweifelten Tonlage schrie Jack der Geißel entgegen. Was war plötzlich mit Jack los? Eine mögliche Antwort mochte sich im dem kleinen Etui aus unscheinbarem Plastik befinden, welches Jack soeben vor Maliks Augen aus der Hosentasche zog.
 
Malik zog leicht die rechte Augenbraue nach ob, als er sah, wie Jacks Gesicht etwas roter wurde. Doch nachdem auch noch den leichten Geruch von Vitae in der Luft wahrnahm, entspannte er sich etwas. Zuerst hatte er gedacht, dass der Brujah vor ihm vor einem Wutausbruch stand, doch nachdem er den Vitaefilm wahrnahm, kam er zu einem anderen Schluss. Doch die Geißel war nicht voreilig und so beschaute er sich seinen Gegenüber noch genauer, ob er weitere Zeichen erkennen konnte. Sie kamen ziemlich schnell, als er merkte wie Jacks linker Arm Zitterte und seine Stimme nicht mehr in einer coolen Tonlage war, sondern verzweifelt und laut. Was ist denn jetzt los!?

Malik konnte sich Jacks Verhalten nur mit drei Dingen erklären. Erstens er hatte etwas Großes zu verbergen und die Angst brach nun heraus, dass Malik es herausfinden würde oder schon wusste. Zweitens er hatte wie Jenny ziemlich schlechte Erfahrungen mit einer Geißel gemacht oder drittens Schmidts Präsenz hatte mehr in dem jungen verändert, als Malik gedacht hatte.

Malik tat daher das einzige, was er relativ gut konnte und sprach nun mit Jack wie mit einem Neonaten, der vor seinem ersten Kampf stand und ein völliges Nervenbündel war. So etwas hatte er im Krieg oft genug gesehen...

Seine Stimme war ruhig, gelassen und hatte eine gewisse Sanftheit. "Junge." Malik Kniete sich auf Jacks Niveau um nicht bedrohlich zu wirken und zeigte ihm seine Handflächen. "Beruhig dich doch erst einmal, ich bin weder hier um über dich zu richten, noch um dich zu deinem Richter zu bringen. Dir droht hier keine Gefahr und ob du Anarch bis oder nicht, ist mir ziemlich egal. Du hast vorhin nicht sehr überzeugt von der Camarilla und sehr positiv von den Anarchen geredet, also mir schon längst durch die Blume gesagt, welche Gesellschaft du besser findest." Malik zwinkerte ihn aufmunternd zu.

"Für mich zählt deine Vergangenheit nicht und solange hier kein Archont auftaucht, der eine Blutjagt über zwei Kontinente nach dir veranstaltet, genießt du sogar meinen Schutz wie jedes friedliche Mitglied in dieser Domäne ok?" Malik wartete kurz auf eine Reaktion von Jack, ob dieser ihm überhaupt noch zuhörte und sprach dann weiter, wobei er kurz nach seiner Gitarre schaute, die in der Nähe lag.

„L.A ist übrigens meine Geburtsstadt musst du wissen, auch wenn es nicht gerade eine Stadt war, als ich die ersten Schreie in dieser Welt gemacht habe." Der Schwarze schaute nach oben zum Himmel und deutete mit dem Finger ebenfalls nach oben. "Mich hatte es damals übrigens ziemlich geschockt, dass die Sterne hier nicht wirklich die Gleichen waren."

Falls Jack nach oben schauen sollte, würde Malik einen Teil seines übernatürlichen Erbes nutzen und mit einer übernatürlichen Geschwindigkeit, nach dem Gitarrenkoffer greifen und ihn Jack sobald er wieder hinunterschaut hinhalten. Seine Gitarre lag sicher drinnen und Malik war nicht so dreist das Instrument eines Musikers einfach so anzufassen. Instrumente waren für Musiker, was die persönlichen Waffen für einen Krieger waren. Ein Teil seiner selbst und heilig.
"Spiel ein wenig, es wird dich sicher beruhigen und ich würde gerne etwas zuhören."
 
Jack fiel tatsächlich auf den Trick mit dem Sternenhimmel hinein und sah plötzlich die Takamine vor sich. Doch Malik ignorierte das Etui und so aktivierte der junge Brujah seine Geschwindigkeit, um folgendes damit zu tun: Zum einen öffnete er dieses. Zum Vorschein kam eine Art Federmappe, doch statt Stiften befanden sich aufgezogene Spritzen darin. Mit der zweiten Aktion griff sich Jack eine eben dieser und setzte sich blitzschnell einen Schuss in den linken Arm. Das gute an Heroin war, dass dieses direkt in den laufenden Blutkreislauf überging und nirgendwo sonst im Körper verarbeitet werden musste. Malik konnte Jacks Hundemarken aus Vietnam an dessen Hals erkennen. Sie wirkten auf den ersten Blick alt und abgenutzt.

Auf dem zweiten Blick war dort auch nicht Jack Cunningham, sondern Chris Brown in das Metall eingestanzt. Besonders die jungen Kriegsteilnehmer hatten damals schwere Suchtprobleme entwickelt und wenn Jacks vorige Angaben mit dem Militärdienst korrekt waren, konnte Malik eins und eins zusammen zählen. Jack kam erst mit 26 aus dem Krieg zurück. Eingezogen wurde er jedoch schon mit 19 Jahren. Was Malik jedoch nicht wissen konnte, war, dass Jack ebenfalls das Massaker von My Lai miterleben und mit dem Bordgeschütz des Hubschraubers auf die eigenen Leute zielen musste. Sein hochverehrter Warrant Officer erteilte ihm diesen Befehl während er zurück zum Stützpunkt flog und Verstärkung rief. Ein junger Mensch wie Jack verkraftete das Ausmaß des Massakers nur sehr schwer. Es geschah zu dieser Zeit, dass Jack seinen Glauben an Gott und der Menschheit verlor.

Heroin war damals der letzte Schrei gewesen. Für Menschen, die nicht wussten ob sie den nächsten Tag überhaupt noch erleben würden, galten die Spritzen als das Nonplus-Ultra. Komprimierte Glücksgefühle. Kein Thousand Yard Stare mehr, es gab einzig und allein nur noch Endorphine, die sich im Körper breit machten. Jack blieb auch nach seinem Tod auf dem Stoff hängen. Das war irgendwie schon ironisch, weil Jacks Tod mit eben jener Droge zu tun hatte.

Jack war den Tränen nahe. Verzweifelt griff er sich Maliks Kragen. Eine Gefahr stellte der Brujah zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr dar. Dafür war er viel zu sehr im Rausch verfangen.

"Malik, hilf mir doch! Was ist bloß aus mir geworden? Ich will wieder ein Mensch sein! Ich möchte alt werden können. Eine Frau finden. Familie haben. Was ist mit meiner Seele passiert? Wo ist sie hin? Ich muss sie wiederfinden! Seit ich in der Nacht lebe, habe ich nur Falsches getan! Die einen hassen mich, weil ich versuche Gutes zu tun und die anderen verachten mich, weil ich nicht für ihre Sache kämpfe.Was ist der Sinn dahinter? Warum hasst mich Gott so sehr? Gibt es ihn überhaupt?"

Plötzlich fasste sich Jack wieder einigermaßen. Er wirkte immer noch traurig, doch seine Professionalität gewann die Überhand. Jack griff sich die Takamine. Er spielte nun ein Lied, das selbst ihm alles abverlangte. Ohne seine übernatürliche Geschwindigkeit konnte er es nicht spielen. Jack hasste sich selbst dafür. Er war gut. Er war sogar sehr gut. Doch er hatte einmal einen Gitarristen gesehen, der als Mensch noch besser als er selbst war. Jack spielte das Lied des Fremden nach. Auf der akustischen Takamine wirkte es noch viel eigenartiger als in der ursprünglichen Version auf einer E-Gitarre.

Zur Abwechslung hatte Jack die Augen beim Spielen nicht geschlossen. Er konzentrierte sich so sehr er überhaupt konnte auf die Saiten.

 
Malik hatte das Etui ignoriert und ihm keine große Bedeutung zugemessen. Doch selbst wenn er es getan hätte, so hätte er nicht eingegriffen um zu verhindern, dass Jack sich einen Schuss gab. Im ersten Moment war er überrascht, bis er die Hundemarke sah. Der Schwarze hätte Blind und Taub gewesen sein müssen um damals nichts vom Krieg mit zu bekommen. Er wusste was Drogen einem versprachen, schließlich hatte er sie als Sterblicher oft genug selber genutzt. Doch seit er ein Kainit war, war er nie wieder dem Ruf danach gefolgt.

Als Jack seinen kleinen Ausbruch hatte, war der Malkavianer kurz davon aktiv zu werden und Jack außer Gefecht zu setzte, doch als er seine ersten Worte hörte, entspannte er wieder ein wenig. Dieser Mann war nicht gefährlich...

Daher ließ die Geißel ihn gewähren und sprach erst wieder, als er sein Lied zu Ende gespielt hatte.
"Du wirst nie wieder ein Mensch werden Jack." auch wenn er vielleicht Chris Brown hieß, so nannte ihn Malik weiter Jack, da er selber diesen Namen gewählt hatte. "Deine Seele jedoch." Malik tippte den Brujah ans Herz und an den Kopf. "Ist immer noch da, der einzige Unterschied ist, dass der dunkle Teil davon eine Gestalt angenommen hat. Du bist, was du aus dir machst und wie du dich selber siehst.

Ob es Gott gibt oder nicht, kann ich dir nicht sagen. Er hat mir weder als Mensch noch als Kainit geholfen oder ist mir erschienen. Ich persönlich glaube an ihn, doch bin der Überzeugung, dass es ihm einen scheiß interessiert, was mit uns passiert!" Malik hatte lange mit sich gehadert und hatte Nächte des Grübelns verbracht, um diese Auffassung von Gott nicht nur so daher zu sagen, sondern auch hinter ihr zu stehen.

"Daher kannst du dein Unleben hier auf der Stelle beenden und Frieden finden, was die leichte Tour wäre oder du beginnst zu akzeptieren was aus dir geworden ist und findest so irgendwann deinen Frieden." Malik zuckte mit den Schultern und stand auf. "Mehr kann ich dir nicht raten. Vielleicht haben ich es und meine Geschwister einfacher, da wir alle wahnsinnig sind und es wissen. Die anderen Clans hingegen, sind wahnsinnig und versuchen es steht’s zu leugnen und zu verdrängen." Malik lächelte runter zu Jack. Der Kleine wird es schon schaffen...
 
Jack versuchte allmählich wieder aufzustehen, was in seinem Zustand nicht besonders leicht war. Seine Motorik wirkte nach dem Stück etwas außer Kontrolle geraten und er hatte Schwierigkeiten sich gerade auf den Beinen zu halten. Um nicht aus dem Stand heraus umzufallen, stützte er sich am Geländewagen ab.

"Du hast Recht, Malik. Die Sehnsucht nach meinem alten Leben muss ich wohl aufgeben. Aber wo soll ich meinen Frieden finden? Etwa hier? Muss ich dazu wirklich sesshaft werden? Ich habe noch lange nicht alles gesehen, was ich mir erhofft habe. Die Welt ist so unendlich groß. Dies kann doch noch nicht alles gewesen sein..."

Jack blickte leicht abwesend in den Sternenhimmel über ihm. Der Stoff in den Adern legte einen anderen Gang ein. Zu Jacks Glück wirkte er nicht so lange und stark wie in einem noch lebenden Organismus und würde sich daher schneller wieder abbauen. Es ging um einen kurzen und effektiven Kick. Jack wandte sich wieder an Malik.

"Wenn es Gott wirklich gibt, so sollte ich vielleicht aufhören ihm für alles die Schuld in die Schuhe zu schieben. Aber manchmal wünsche ich mir, dass er seine Kraft nutzt um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ich muss anfangen den Menschen zu helfen. Aber wie soll ich das machen? Ich bin Musiker und nicht Jesus..."
 
Malik war nicht so gut in der Rolle eines Lebensberaters, doch da gerade niemand anderes da war, würde er tun was er konnte.

"Du könntest einige Jahre in dieser Domäne leben. Sie ist vielleicht nicht eine der schönsten, doch auf jeden Fall eine der ereignisreichsten der letzten Jahrzehnte. Langweilig wird dir hier nicht so sehr und ich habe das Gefühl, dass es hier viele Kainiten gibt wie dich, die nicht wissen wo ihr Platz in der Welt ist. Vielleicht könnte ihr euch in dieser Hinsicht unterstützen." Doch in diesem Fall, würde Malik ein Auge auf den Kleinen werfen müssen. Die Geißel merkte jedenfalls schon, wie sich Gedanken formten, ob er Jack irgendwo strategisch positionieren konnte um seine Macht in dieser Domäne auszubauen. Malik hasste es, dass er mit der Zeit so manipulativ dachte, doch er hatte auf die harte Tour gelernt, dass er als Ahn so denken musst, sonst wurde sein Nachtleben unglaublich anstrengend.

"Wenn du in keine großen Kämpfe gerätst, kannst du ewig leben, daher ist sesshaft werden bei uns nicht gerade leicht. Selbst wenn du 100 Jahre in einer Domäne bist, so ist das doch nur ein Augenblick für einige ganz Alte. Die Welt wirst du also schon früh genug sehen." Malik rieb sich kurz das Kinn. Die Welt besser machen...Der Schwarze hatte sich mit solchen großen Gedanken in seiner Jugend befasst, doch sie nie weiter verfolgt, daher hatte er nicht sofort eine Antwort bereit, bis er noch einmal auf das Instrument des Brujahs schaute.

"Nun du bist ein guter Musiker, warum versuchst du nicht also eine eigene Plattenfirma aufzumachen, dir ein paar Stars zu angeln und dann das große Geld zu machen. Du erfreust die Leute mit deiner Musik und das Geld kannst du nutzen um irgendwelche Hilfsprojekte zu starten. Damit bewirkst du jedenfalls etwas und kannst den Menschen helfen.

Ach und was Jesus angeht. Ich glaube er hat sich zu Lebzeiten nie groß gefragt, wie er am besten den Menschen helfen kann, sondern hat einfach getan, was er für richtig gehalten hat. Am Ende haben sie ihn dafür ans Kreuz genagelt." Die Geißel zuckte mit den Schultern. "Du siehst also, sehr dankbar ist die Menschheit erst wenn du tot bist." Bei dem letzten Satz lächelte er etwas schief.
 
Zurück
Oben Unten