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Das sollte eigentlich der Anfang eines Vampir-Romans werden... vielleicht schreibe ich ihn ja eines Tages fertig 
In die Dunkelheit
'Die Zeit heilt alle Wunden.' 'Der Schmerz wird irgendwann nachlassen.' 'Konzentriere dich einfach auf deine Arbeit, das wird dir helfen darüber hinwegzukommen.'
Oh wie Marco diese gutgemeinten Ratschläge hasste! Echte und vermeindliche Freunde hatten sie ihm mit ehrlicher oder auch nur vorgetäuschter Anteilnahme leise und aufmunternd zugesprochen. Freundliches und nichtssagendes Händeschütteln am Grabe seiner Mutter. Sie hatte Vater um gerade einmal zwei Wochen überlebt. Beide tot, kaum ein Jahr vor dem ach so rettenden Ruhestand...
Der Whiskey kratzte heftig in Marco's Kehle, die Schwärze der Nacht schien ihm heute so fremd... Statt sich – wie sonst – wie eine dunkle, anonyme Decke um ihn zu legen, schien die Finsternis der unbeleuchteten Terrasse und des verdunkelten Hauses ihn zu bedrängen, erpressen. Das Glas mit der sonst bernsteinfarbenen Flüssigkeit klackerte leise beim Absetzen auf dem Tisch. Gerade eine Armlänge entfernt und doch kaum mehr zu erkennen. Ein dunkler Schemen vor noch dunklerem Hintergrund, mehr zu erahnen als zu sehen.
Die Kirchturmuhr schlug. Einmal, zweimal. Halb drei. Fast schien es Marco wie ein Sakrileg, dass sie es wagte, die Stille zu durchbrechen, in die er sich geflüchtet hatte. Wieder stierte er dumpf zu Boden. Fast schien es ihm, als könnte er die Trümmer seines zersplitterten Lebens vor sich auf den kalten Terrassen-Fliesen sehen. Die Scherben seines Studiums, die Sehnsucht nach seinen Eltern, die Enttäuschung und den Schmerz der gescheiterten Beziehung. Die gähnende Leere seines Kontos.
'In die Arbeit flüchten...'
Ein hämisches, abgehacktes Lachen grollte über die Terrase. Erschrocken erkannte es Marco mit einigen Sekunden Verspätung als sein eigenes.
Wieder die grausame Ironie des Schicksals. Welche Arbeit? Sogar seine Band hatte sich nach einem nicht vorhersehbarem Streit schlagartig aufgelöst. Die letzte Notbremse, das letzte Überdruckventil für seine brodelnden, gärenden Gefühle hatte versagt. Was blieb ihm noch?
Oh, natürlich hatte er sich in seinen vermeintlich dunklen Stunden überlegt, was er nun tun würde: Sich von der Russenmafia Geld leihen und nun, da es sowieso nicht mehr darauf ankam, für Alkohol, Drogen und Huren ausgeben. Nocheinmal eine richtig große Party schmeißen, bevor er sich von dieser genialen Welt verabschiedete.
Jetzt, da die Musik verklungen war, das letzte Körnchen Koks geschnupft, der letzte Joint geraucht und alle Mädchen seine Bude verlassen hatten, stellte ein nüchterner, ach so sachlicher Teil von Marco fest, dass eigenlich keine der Sinnesfreuden der letzten Tage auch nur annähernd durch die dichte Decke aus Schmerzmut und Selbstmitleit hatte dringen können, die sich wie ein Henkersseil um seinen Hals zu ziehen schien. Nüchtern betrachtet war es nichts weiter als Verschwendung gewesen und Marco kam sich regelrecht schmutzig vor. Angespannt starrte er auf seine Hände. Diese langfingrigen, feingliedrigen Hände, Musikerhände, die einst ein Eigenleben entwickelt zu haben schienen, wenn sie auf seiner Gittarre zu tanzen begannen. Mehr aus einem Reflex auf grund dieses Gedankens denn aus der Lust zu spielen griff Marco nach dem Instrument, dass neben ihm auf der Bank lag. Fuhr über die wohlbekannte, schwarzlackierte Oberfläche. Mehr aus Gewohnheit strich sich der junge Musiker die langen, blonden Haare hinter das rechte Ohr. Fast ohne sein Zutun wanderten seine Finger über die Saiten, während er immer noch stumpf vor sich hinstarrte. Wie Traunwandler schienen seine Hände nach einer Melodie zu suchen, die ihm aus diesem düsteren Augenblick heraushelfen würde können.
Doch alles, was dieses ihm einst so geliebte Instrument nun noch an Klängen zu erzeugen im Stande war, schien Marco wie eine Verballhornung seiner Situation, wie beißender, berechnender Spott, zu nichts anderem erdacht, als ihn noch tiefer in die trostlose Melancholie stürzen zu lassen. Regelrecht angeekelt legte er die Gitarre mit einer ruckhaften Bewegung beiseite.
Ohne darüber nachzudenken, erhob er sich von der Bank, schlurfte mit hängenden Schultern durch das nasse Gras des Gartens, umrundete das Haus, trat vor die Garage. Das schwarze Rennmotorrad schien wie ein Fabelwesen aus der Nacht herauszutauchen und Marco entgegenzuspringen. Nun... das konnte nicht sein, er hatte es schließlich selbst vor einigen Tagen hier abgestellt. An einem anderen Tag hätte die Vorstellung ein Lächeln auf seine Lippen gemalt.
Der Schlüssel klackerte leise als er ins Schloss geschoben wurde, ein weiteres Geräusch in dieser Nacht, für das Marco keine Aufmerksamkeit übrig hatte. Langsam schwang der langhaarige Musiker ein Bein über die Bank, ließ sich auf dem gepolsterten Sitz nieder.
Eine leichte Rechtsdrehung, der kaum merkbare Widerstand des Zündschlosses, Marco's Gesicht wurde von untem im Blutrot der Instrumente beleuchtet. Ein sanfter Druck auf den Kupplungshebel, ein Streicheln des Anlassers.
Wie durch Watte nahm Marco das Fauchen des Motors wahr, weit entfernt, trotz der Vibrationen die durch die Maschine und Marco selbst wogten. Der Ständer schien nicht einmal von seinem Fuß berührt worden zu sein, schon klappte er ein, fast ohne Zutun des Fahrers rastete der erste Gang ein, bei immer noch gezogenem Kupplungshebel riss Marco den Gashahn auf, das infernalische Gebrüll der R1 musste noch die Nachbarn ertauben oder zumindest vor Schreck aus dem Bett springen lassen. Fauchte der Rennmotor der Yamaha seine mechanische – und Marco's nur zu reale – Wut in den Nachthimmel. Dann kuppelte Marco bedächtig ein, das Vorderrad hob sich fast augenblicklich, der breite Hinterreifen schmirgelte qualmend einen Gummistreifen auf den Asphalt. Erst nach einigen Sekunden fuhren Marco's Finger über den Lichtschalter, ein neonweißes Auge beleuchtete die huppelige Straße der 30-Zone vor seinem Vorderrad, der Tacho blinkte mit einer penetranten 120 auf. Abrupt bremste der Musiker das Bike, legte sich halsbrecherisch in eine immer noch viel zu enge Kurve, dass er sie Schnitt schien er nciht einmal wahrzunehmen.
Die kalte Nachtluft biss in seine nackten Unterarme, das lange Haar flatterte im Fahrwind. Lederjacke und Helm lagen in irgend einer Ecke des Hauses, das er von seinen toten Eltern geerbt hatte...
Dem fauchenden Monster gleich, dass in Marco's schmerzverzerrtem Herzen eingesperrt zu sein schien, raste die Yamaha aus der 30 Zone, über mehrere rote Ampeln hinweg. Die wenigen Nachtschwärmer, die noch in ihren Autos unterwegs waren bremsten überhastet um einen Zusammenprall mit dem viel zu schnellen Rennbike zu vermeiden. Schade eigentlich.
Marco konnte nicht sagen, wie lange die beiden kleinen, senkrecht übereinander liegenden Lichter ihn im Rückspiegel verfolgt hatten, bis er sie mit seiner abgedämpften Sinneswahrnehmung bemerkt hatte. Er hatte nicht einmal auf die Strecke geachtet, sondern seinen Gedanken nachgehangen, seine Muskeln die fast schon auswendig gelernten Bewegungen auf seiner Hausstrecke abspulen, die ihn davor bewahrt hatten, bei der halsbrecherischen Geschwindigkeit von der Strecke zu fliegen. Jetzt bemerkte er sie. Verärgert verzog er das Gesicht, bremste hart, bog rechts von der Landstraße auf einen mehr schlecht als recht geteerten Feldweg und riss den Gashahn auf, während er die Gänge nacheinander ausfuhr.
Zu seinem Erstaunen folgten ihm die Lichter. Zumindest schien es sich ebenfalls um ein Bike zuhandeln. Kurz blitzte Ärger in Marco's Gedanken auf, dann bremste er erneut hart, riss das Motorrad in eine viel zu enge Linkskurve und bog in den nächsten Feldweg ab, erneut das gleiche Spiel, hartes Hochbeschleunigen, scharfes Abbremsen, halsbrecherische Kurvengeschwindigkeit, unbeteiligtes Erstaunen, als sein Hinterrad für einen Sekundenbruchteil unter einigen Kieseln wegzurutschen drohte. Über Todesängste war Marco hinaus. Dann haftete der Reifen wider, erneute Beschleunigungsorgie. Vor ihm lag wieder die Landstraße. Ohne auch nur nach anderem Verkehr zu sehen schoss Marco über das STOP-Schild hinweg und raste über die schräg einmündete Zufahrt auf die Landstraße. Kurz darauf bereits der nächste Ort, das Dorf schien an ihm vorbeizufliegen. Sein kurzärmeliges Hemd flatterte im beißend scharfen Fahrtwind.
Die Lichter im Rückspiegel blieben an seiner Fährte, fast schon abfällig verzog Marco das Gesicht. Der andere Fahrer musste todesmüde sein, wenn er ihm in so waghalsigem Tempo folgte, von sich selbst wusste Marco das zumindest.
Am Ortsausgangsschild hatte die Tachonadel bereits wieder die 200 überschritten, die bewaldeten Straßenränder rauschten wie ein lebendiger Tunnel an den beiden dahinjagenden Rennmaschinen vorbei. Wie ein Düsenflieger im Tiefflug schlug Marco Haken durch die leichten Kurven, die Knie seiner Jeanshose huschten wenige Millimeter über dem rauhen Straßenbelag dahin, als er in die Schräglage ging. Er beschleunigte aus der Kurve, um noch einige Meter auf das ihn verfolgende Motorrad gut zu machen, dann erneut hartes Anbremsen, ein zuckender Blick in den Rückspiegel ließ Marco höhnisch auflachen. Sein Verfolger war zurück gefallen. Wieder warf er seine die Yamaha in eine mörderisch harte Rechtskurve. Er wusste dass er sie schaffen würde.
Geschafft hätte.
Wenige Meter vor ihm sprang ein Hirsch auf die Fahrbahn, das Vorderrad der R1 traf das Wildtier genau hinter dem Schulterblatt, ein entsetzlich harter Ruck ging durch die Rennmaschine, der Hirsch schrie, das Bike bockte auf, Marco's Augen weiteten sich entsetzt. Wie in Zeitlupe nahm er war, wie er von der Maschine geschleudert wurde, in der Luft zu taumeln schien...
Der Aufprall war im wahrsten Sinne des Wortes knochenbrecherisch, Marco's Rippen kreischten gepeinigt und brachen, der Ohnmacht nahe rutschte er schwerst verletzt in den Straßengraben. Verwirrt betrachtete er die Spitzen seiner Turnschuhe, die oben aus dem Graben ragten. Irgend etwas drückte mit entnervender Penetranz in sein rechtes Schulterblatt, sein Hals war nach vorne gebeugt, er lag auf dem Rücken im Dreck des Straßengrabens. Warm liefen die Tropfen seines eigenen Blutes über seine Brust.
Mit bollerndem Röhren hielt die feuerrote Dukati 999 neben seinen Beinen an. Ein in Dukati-rot gekleideter Motorrad-Stiefel setzte auf. Wie im Traum ließ Marco den Blick am Bein seines Verfolgers hochwandern: Schwarz-Rote Motorrad-Stiefel, Dukati-Rennoverall, blutigroter Helm, schwarzverspiegeltes Visir
Lautlos huschte der Duk-Pilot neben Marco's geschundenen Körper, ließ sich auf ein Knie nieder, leise klackte der Verschluss des Kinnriemens, der Helm wurde abgenommen, schulterlanges brunettes Haar wurde ausgeschüttelt. Das Haar rahmte ein bleiches, aber nichts desto trotz wunderschönes Gesicht ein, tiefschwarze Augen lächelten auf den Sterbenden herab, blutig-rote geschminkte Lippen verzogen sich zu einem belustigten Lächeln. Langgliedrige Hände schlüpften aus roten Lederhandschuhen, strichen aanft hinter Marco's Hals, schlanke Finger hoben seinen Kopf weiter an. fuhren sein Wange entlang, den Backen- und Kieferknochen entlang, ruhten für eine Sekunde auf seinem Kehlkopf.
"Ts-ts-ts"
Tadelnd schüttelte die Diva im roten Motorradanzug den Kopf, und verzog die Lippen zu einem grausamen Lächeln. Dann beugte sie sich hinab und küsste Marco voll auf den Mund. Durch all die Schmerzen hindurch fühlte er die Berührung genau, bildete sich eine Sekunde lang sogar ein, ihre Zunge zu spüren.
Das nächste Lächeln, das sie ihm schenkte, entblößte ihre spitzen Eckzähen, sanft senkte sie diese in seinen Hals und zerfetzte seine Schlagader. Langsam floss das Leben aus seinem Leib...
Seufzend lehnte sich Marco zurück und überließ sich ganz der Umarmung der Fremden. Es wurde dunkel um ihn....