[16.05.2008] - ...werden die Toten erneut auf Erden wandeln

Richard

Demagyar
Beep beep ... Beep beep ... Beep beep...
Der anhaltende und nerv tötende Piepton hallte an den bleichen Wänden des Kellerraumes wieder und wieder.

Es war der Kraftraum, in welchem der Ton seinen Ursprung hatte. Der Kraftraum, in welchem sich the Hause, der Vorbesitzer des Anwesens, wohl an das vergangene Leben geklammert hatte und den Versuch unternommen hatte, dem toten Körper die nötige Fitness zukommen zu lassen, welche ein lebender Organismus zum einwandfreien und beschwerdefreien Funktionieren benötigte.
Alexander hatte den Raum nie wirklich benutzt. Er wusste, bzw. hatte bemerkt, dass es nichts brachte, Sport zu treiben oder Gewichte zu stemmen, wenn die Muskeln nicht so reagierten, wie sie es eigentlich hätten sollen...Es rissen kein Muskelfilamente, wenn man die Eisen bog. Der Herzschlag beschleunigte sich nicht und auch die Atmung setzte nicht wieder ein, wenn man Kilometer um Kilometer auf einem Laufband oder einem Fahrrad abriss. Lediglich das Blut würde verbraucht werden. Und das Blut war der Antrieb, der Motor des toten Körpers eines Kainiten.
Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass sich in dem Raum eine leichte Staubschicht über die Laken gelegt hatte, welche die unsäglich teuren Trainingsgeräte vor eben diesem Staub schützten. Die Tür war schon lange nicht mehr geöffnet worden und hätte ganz bestimmt in ihren Angeln gequietscht, wenn man sich geöffnet hätte.

Alles war so, wie es sein sollte ...

... wenn man den geisterhaften roten Lichtschein nicht betrachtete, welcher wiederkehrend durch die geöffnete Tür hinein schien. Dieser hatte seinen Ursprung in der roten Rundumleuchte, welche im Inneren des Panic-Rooms, Alexanders Tagesquartier, angebracht war.
Auch die Tür des Kraftraums war nicht geöffnet, nein! Sie lag zerschmettern im Inneren des Raumes und hatte einige der Staubhussen von den Geräten gerissen. Dies schien aber nicht sonderlich tragisch zu sein, denn die Hussen waren zusätzlich zu dem vorhandenen Staub auch leicht schmutzig ... schmutzig von roten Spritzern und Schlieren, welche in einer Schlachterei wahrscheinlich keinerlei Aufsehen erregt hätten. Hier jedoch waren sie vollkommen fehl am Platze.
Auch waren die drei Körper, welche reglos am Boden lagen, nicht zu dem üblichen Interieur zu zählen.

Einer der Körper gehörte zu einem jungen Mädchen von ca. 17 Jahren. Die strähnigen braunen Haare standen ihr vom Kopf und waren blutverklebt. Ihr Kopf saß in einem unnatürlichen Winkel auf den Schultern. Ihre Kehle war ein großes, ausgefranstes Loch und schimmerte feucht.

Der zweite Körper lag auf dem Tisch an der Stirnseite des Raumes. Die Splitter der Holztür waren drum herum verteilt – ein großer, unterarmlanger Splitter ragte dem jungen Mann von ca. 20 Jahren aus der Brust. Auch dessen Kehle war lediglich eine hackfleischartige Masse, aus welcher immer noch der rote Lebenssaft tropfte.

Die Kleidung der Beiden war schmutzig und zerschlissen. Ob dies durch die letzten Stunden ihres Lebens geschehen war, oder ob sie bereits zuvor heruntergekommene Kleidung getragen haben, lässt sich nicht feststellen.

Der dritte Körper jedoch steckte in scheinbar ziemlich teurer Kleidung. Schon allein die Schuhe mochten mehr als die gesamte Kleidung der anderen Beiden gekostet haben. Auch war der Körper desjenigen von keiner schweren Verletzung gezeichnet. Lediglich das Gesicht war blutverschmiert.
Er saß an die hintere Wand des Kraftraums gelehnt, den Oberkörper aufrecht, das linke Bein angewinkelt unter dem rechten.

Die teure Uhr, welche das linke Handgelenk zierte, wies einen Sprung um Glas auf. Das nervige Piepen schien dennoch von dieser Uhr zu stammen.

Plötzlich öffnete diese Person die Augen... nicht langsam, wie nach dem Erwachen, sondern schnell und erschrocken, als wenn ihn das Piepen aus dem Schlaf gerissen hätte und ihm klar werden würde, dass er einen wichtigen Termin verpasst hätte.

Langsam kam mehr Regung in den Körper des jungen Mannes. Er stemmte sich, mit dem Rücken an der Wand, in die Höhe und wischte sich durchs Gesicht. Dann betrachtete er seine Hände und blickte einen quälend langen Augenblick auf die blutigen Handflächen, bevor er den Blick im Raum schweifen lies und kurz an den beiden leblosen Körpern hängen blieb ... Was war hier geschehen?
Sein Blick fiel auf die Uhr und er unterbrach den Piepton mit der Betätigung einer der Knöpfe an deren Seite. Sofort senkte sich unheimliche Stille über den Raum. Lediglich ein weit entfernter Summton, welcher sich mit dem stroboskopartigen Lichtblitz deckte, war noch zu vernehmen.
Alexander ging zu dem Körper der jungen Frau und ließ sich in die Hocke nieder. Seine Hand umfasste ihr Kinn und drehte ihren Kopf so, dass er ihr ins Gesicht blicken konnte.

So jung....dachte er sich und schüttelte den Kopf.

Dann erhob er sich wieder und verließ den Raum, um in den Panic-Room aufzusuchen. Dieser befand sich direkt gegenüber des Kraftraums.

Er blickte sich auch hier um und betrachtete die umgeworfene Munitionskiste und den geöffneten Langwaffenschrank, in welchem zwei Pump-Aktion Gewehre, ein Sturmgewehr und diverse Kurzwaffen lagerten.

Alexander richtete den umgestoßenen Schreibtischstuhl auf und ließ sich darauf nieder. Schnell überflogen seine Finger die Tastatur vor ihm und die vier Bildschirme an den Wänden erwachten zum Leben. Es waren 16 kleine Vierecke mit Kameraausschnitten zu erkennen, wovon acht den Außenbereich und acht das Innere des Anwesens zeigten.

Der Ventrue tippte abermals auf der Tastatur herum und es legte sich ein weiteres Fenster mit weiteren 16 Quadraten über die vorherigen. Der kleine Datumsstempel am linken oberen Bildschirmrand zeigte den 15.05.2008 an. Das Sicherheitssystem war so programmiert, dass es nur im Falle einer Bewegung aufzeichnete.

Auf dem Kameras war zu sehen, wie Alexander vor dem Waffenschrank stand und die Pumpgun mit der tödlichen Munition lud. Es war kurz vor dem Angriff am Skilift gewesen. Anhand der schwerfälligen Bewegungen, welche er durchführte, konnte man erkennen, dass er verletzt war. Eingeweihte wussten, dass er erst 4 Tage zuvor einen Werwolf getötet hatte und selber nur knapp mit der Existenz davon gekommen ist.

Dann zögerte der aufgezeichnete Alexander kurz und stellte die Waffe wieder in den Panzerschrank. Er bewegte seinen Arm prüfend und auf dem Gesicht konnte man Unzufriedenheit erkennen. Er setzte sich auf das bequeme Bett und schloss die Augen. Sofort konnte man erkennen, wie eine Veränderung durch die Muskulatur des verletzten Armes, des neu gebildeten Armes ging. Sie wurde dicker, vollständiger. Auch an anderen Stellen konnte man Bewegungen unter Alexanders Kleidung feststellen. Scheinbar hatte er doch mehr Wunden davon getragen, als sichtbar.

Der Alexander im jetzt schüttelte bei dem Anblick den Kopf... hätte er doch nur nicht versucht, alles auf einmal zu heilen... Dabei war sein Hunger doch bereits zu spüren gewesen...

Als wenn die Aufzeichnung diese Gedanken bestätigen wollte, ging ein Ruck durch den gesamten Körper des elektronischen Alexanders und er rutschte, einem Sack Reis ähnlich, von dem Bett und blieb regungslos am Boden liegen... Die Kamera zeichnete noch weitere 3 Minuten auf, dann schaltete sie sich wieder ab. Alexander schien es überrieben zu haben.

Dann sprang ein anderes Kästchen an und zeigte den Außenbereich, direkt vor der Haustür des Anwesens. Die beiden jungen Menschen, welche jetzt leblos im Keller lagen, standen in elektronischer Form vor der Haustür des Ventrues – vor der Haustür, welche Alexander zuvor nur angelehnt hatte. Er wollte ja eigentlich nur seine Waffen holen und sich dann auf den Weg machen...
Die jungen Leute schienen sich zu streiten. Der Mann zog das Mädchen immer wieder am Arm und deutete auf die Haustür. Das Mädchen jedoch war scheinbar nicht überzeugt von dem Vorhaben des Freundes – ihres Freundes, wie sich kurze Zeit später heraus stellte, als er ihr einen Kuss auf die Lippen drückte und in das Haus eindrang. Sie folgte zögerlich.

Es folgten Aufnahmen, wie die beiden durch das große Anwesen wanderten und sich in jedem Raum umsahen. Irgendwann betraten sie dann den Keller, in welchem sich auch der Panic-Room und der Kraftraum befanden - und stießen auf den toten, kalten Körper Alexanders!

Man sah die Frau schreien und in den Kraftraum flüchten, während der junge Mann sich, nach dem er sich von dem ersten Schock erholt hatte, Alexanders Körper näherte. Es ließ sich nicht genau erkennen, was er als nächstes tat, doch plötzlich schnellte Alexanders Arm nach oben und griff nach dem jungen Mann. Dieser wand sich in dem stählernen Griff des Untoten und schlug auf ihn ein und konnte sich schließlich aus dem Griff lösen .. oder hatte der Vampir ihn freigegeben?

Blindlings taumelte er aus dem Panic-Room und schaute sich verzweifelt im Flur um. Seine Begleiterin hatte die Tür hinter sich zugeschlagen, sodass er nicht sehen konnte, wo diese sich befand. Doch er schien den richtigen Gedanken gehegt zu haben, als er auf die schwere Tür zuging und die Hand an die Klinke legte, um diese hinab zu drücken.

Plötzlich, wie aus dem Nichts stand Alexander hinter dem jungen Mann … oder zumindest war es mal Alexander gewesen… Das Gesicht war verzerrt, die Fänge ragten ungewöhnlich weit aus dem Oberkiefer des Ventrues und die Finger waren zu Klauen gebogen. Die Augen jedoch waren das unnatürlichste an der Erscheinung - ein tiefrotes Glimmen war in ihren Tiefen zu erkennen.

Der Untote sprang auf den jungen Mann zu und beförderte ihn einfach durch die geschlossene Tür des Kraftraums. Der Mann musste bestimmt 75 Kg gewogen haben, jedoch flog er durch die Luft, als wenn es ein Sack Mehl gewesen wäre. Der Körper landete auf dem Tisch, auf dem nachher die Leiche liegen sollte. Durch die Wucht des Aufpralls auf die Tür zerbarst diese einfach und lange Splitter lösten sich aus dem Holz. Einer dieser Splitter ragte, beim Auftreffen des Körpers auf dem Tisch, aus dessen Brust, sodass man erkennen konnte, wie das Leben des jungen Manns röchelnd aus dessen Körper entwich.

Schnell war der Berserker bei ihm und vergrub seine langen Hänge in dessen Hals.
Am Rande des Bildschirmes sah man die Frau, welche mit großen Augen in der Ecke saß und hospitalisierte. Sie war gelähmt durch die Angst und den Schrecken, welchen sie gerade miterlebte. Man konnte noch ein großer Fan des Horror-Genres sein, nichts bereitete einen auf die Wahrheit vor.
Alexander – nein, das Tier – löste sich von der ausgefransten Kehle des jungen Mannes und beugte den Kopf in den Nacken. Unnatürlich weit wurde die Wirbelsäule durchgebogen und es schrie, wie man an dem weit aufgerissenen Raubtierschlund und den zur Seite gestreckten Armen erkennen konnte.
Dann wand es den Kopf in Richtung der jungen Frau – und auch sie schrie...

Eine schemenhafte Bewegung später befand sich der von Raserei geplagte Ventrue über der Frau und versetzte ihr einen Rückhandschlag, der sie quer durch den Raum beförderte. Der Körper prallte gegen die Langhantelbank und räumte die schweren Gewichte mühelos von den Halterungsstangen. Knapp dahinter kam die Frau zu liegen. Ihr Körper zuckte unkontrolliert, als wenn sie Opfer eines Taser-Angriffs geworden wäre, doch an der verdrehten Stellung ihres Kopfes erkannte man, dass auch sie fern ab des Lebens war. Lediglich die letzten Nervenimpulse ließen den Körper noch reagieren.
Dann verdeckte der Untote die Sicht auf weiteres...Auch hier schien er sein grausiges Mahl zu halten.

Der reele Alexander, welcher im Jetzt vor den Bildschirmen saß, stoppte die Aufzeichnung und stützte den Kopf in die Hände...das hätte nicht sein müssen. Hätte er sich besser unter Kontrolle gehabt, hätte niemand sterben müssen – oder zumindest nicht auf diese grausame Art und Weise.
Es hat dir Freude bereitet! hallte es in seinem Kopf wieder Du bist nur eine Maske, welche dein wahres Ich verbirgt! Ich war schon immer da! Und ich werde auch immer da sein! lachte es Hyänengleich hinter seiner Stirn. So deutlich hatte er das Tier in seinem Inneren noch nie wahrgenommen. Er fühlte, dass das die Gitterstäbe, welches es in seinem Käfig hielten, weiter gesprungen waren. Das Metall der Ketten ist spröde geworden und hat dem Tier die Möglichkeit der Herrschaft gegeben..

Alexander stand auf und blickte auf die Uhr – 04:00 Uhr. Noch eine Stunde bis Sonnenaufgang. Er verließ den Keller und ging zuerst zur Haustür, um diese zu schließen und zu sichern. Dann nahm er sein Mobiltelefon zur Hand und wählte Meyyes Nummer....doch kurz bevor das Freizeichen in der Leitung ertönte, drückte er das Gespräch wieder weg...er konnte ihr nichts hiervon erzählen! Er musste sich zuerst um alles notwendige kümmern!

Er war gerade dabei das Handy wegzustecken, als ihm auffiel, dass er eine e-Mail erhalten hatte.
Buchet ist wieder aufgetaucht?! Also haben sie ihn gefunden! Es wird zur Verhandlung um seinen und den Arsch seiner Frau kommen, sieh an! Wie praktisch, dass ich keinerlei Ahnung habe, was vorgefallen ist. Und dann auch noch morgen Nacht, Verdammt! Ich habe wichtigeres zu tun, als dem Rosenkavalier den Ast abzusägen! lief es hinter Alexanders Stirn ab...Er hatte so viel zu tun und so wenig Zeit ...
 
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