Rezension Enders Schatten

Nepharite

Erstgeborener
Orson Scott Card - Enders Schatten


[User-Rezi] von Nepharite


Ein paar einleitende Bemerkungen: In seinem Nachwort zu "Enders Schatten" erläutert Orson Scott Card das Konzept, welches diesem Buch zugrunde liegt. Es stellt keine Fortsetzung der vier vorangegangenen Ender-Romane -Ender´s Game (Das Große Spiel), Speaker for the Death (Sprecher für die Toten), Xenozide (Xenozid), Children of the Mind (Enders Kinder)- dar, sondern erzählt die Geschichte des ersten Bandes -Ender´s Game- aus der Perspektive einer anderen Person, des kleinen Bean. Insofern sind keine Vorkenntnisse erforderlich, um "Enders Schatten" zu verstehen.

Rotterdam ist ein hartes Pflaster für Waisen- und Straßenkinder: nur die Starken überleben; diejenigen, die zu schwach sind, Nahrung zu stehlen -notfalls von anderen Kindern-, verrecken in der Gosse. Der vierjährige Bean ist eines dieser körperlich schwachen Kinder; allerdings ist er mit überragenden intellektuellen Fähigkeiten ausgestattet, dank derer er in diesem grausamen Milieu trotz seines körperlichen Handicaps überleben kann, und die das Interesse der Schwester Carlotta wecken. Die Nonne hat den Auftrag, besonders begabte Kinder für die Internationale (Raum)Flotte zu rekrutieren. Auf einer Raumstation werden dann diese Kinder in speziellen Trainingsprogrammen selektiert und für den Krieg mit einer außerirdischen insektoiden Rasse -den "Schaben"- ausgebildet. Trotz einiger, anhaltender Bedenken der militärischen Leitung wird Bean in das Programm aufgenommen und muss als mit Abstand kleinster, dafür jedoch schlauster Schüler in der folgenden Zeit Fähigkeiten unter Beweis stellen, die weit über das bloße Überleben hinausgehen.
Auf der Station lernt er Ender Wiggins kennen, einen Jungen der wegen seiner überragenden strategischen und taktischen Fähigkeiten und seiner Führungskompetenz, vom Großteil der Schüler und Lehrer quasi als lebende Legende vergöttert wird. Da Bean einen ähnlich unangreifbaren Status anstrebt, entwickelt sich auf seiner Seite eine Art Konkurrenzkampf, in dessen Verlauf er Enders Schwächen evaluiert, allerdings auch seine eigenen Grenzen erfährt.
Während der kleine Junge auf der Station wächst, ermittelt Carlotta auf der Erde seine wahre Herkunft und findet heraus, dass Bean tatsächlich mehr als ein "gewöhnlicher" Mensch ist.

Obwohl ich schon viele Stories und Novellen des mehrfach preisgekrönten Autors gelesen und Orson Scott Card als oftmals brillierenden Schreiber schätzen gelernt habe, stellt dieser Roman meine erste Begegnung mit dem Ender-Universum dar. Kaum ein SF-Roman hat mich in den letzten Jahren von der ersten Seite an mehr gefesselt als dieser über einen kleinen Jungen in einer grausamen Welt.
Dabei liegt die Faszination weder im konventionellen Aufbau der Geschichte, noch am relativ simplen Grundplot, welcher erst gegen Ende des Buches überraschende Wendungen bereit hält, sondern in der für das SF-Genre ungewöhnlich fundierten individual- und sozialpsychologischen Analyse des Verhaltens eines "extremen" Individuums in extremen Situationen, und dank der lebendigen Sprache wirkt das Ganze zu keinem Zeitpunkt trocken oder oberlehrerhaft.

Am Anfang "seiner Reise" -in Rotterdam- ist Bean nicht viel mehr als ein intelligentes Tier, ein vollkommen amoralisches und emotionsarmes Individuum, dessen einziges Ziel es ist, in einer gnadenlosen Gesellschaft, in der sich nur der Starke behaupten kann, zu überleben. Wie aber kann sich ein Individuum in einem solchen Milieu durchsetzen, wenn es körperlich schwach ist? Card liefert die Antwort, indem er seinen Protagonisten erstens die gruppendynamischen Prozesse, die die Gesellschaft in der er überleben muss prägen, analysieren und ihn zweitens in skrupelloser Anwendung der gesammelten Erkenntnisse die Menschen bis hin zur Anstiftung zum Mord manipulieren und instrumentalisieren lässt. Wissen ist in einer archaisch organisierten Gesellschaft Macht, wenn man skrupellos -und geschickt- genug ist, sich dieses Wissens zu bedienen! Dennoch verspürt der Leser zu diesem Zeitpunkt noch das Mitgefühl mit Bean, welches die dystopische Gesellschaft ihm -einem kleinen Kind- nicht entgegenbringt.

Mit seiner Ankunft auf der Raumstation jedoch wandeln sich diese Gefühle in Unverständnis und sogar unterschwellige Furcht, da Bean -scheinbar in Sicherheit- nicht in der Lage ist, sein auf Überleben geprägtes Wesen anzupassen. Einerseits verstärkt O.S.Card den Eindruck von Beans Bedrohlichkeit gekonnt durch die den Kapiteln vorangestellten kurzen Passagen (die in der Schriftgestaltung vom übrigen Text abgehoben sind), in denen er sich Dritte -die Ausbilder und Schwester Carlotta- über das paranoide und fast schon soziopathische Wesen Beans austauschen und seine Aktivitäten reflektieren lässt, ohne dass sie diese jedoch letztendlich vollkommen durchschauen. Anderseits relativiert der Autor diesen Eindruck indem er Bean als durch und durch rational handelnd charakterisiert und damit potenziell auf Zerstörung ausgerichteten Gefühlen -wie Hass und Rache- kaum Raum lässt. Dennoch hat der Leser keinen Zweifel, dass Bean um des Überlebens Willen bereit ist, reale oder eingebildete Gefahren um jeden Preis zu eliminieren.
Sein Streben nach Macht, sozialer Anerkennung, dem Respekt seiner Kameraden und die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Phänomen "Ender Wiggins" wird in diesem Stadium von Bean selbst immer noch auf ein Mittel zum Zweck des Überlebens rationalisiert und damit reduziert. Von seiner einseitigen Bedürfnisstruktur her kann Bean daher -folgt man den gängigen Motivationstheorien- in diesem Stadium seiner Entwicklung kaum als "kompletter" Menschen angesehen werden.
Erst nach und nach erkennt er im Vergleich mit und Konkurrenz zu Ender Wiggins, dass Wissen allein nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit Macht ist und dass überragende analytische Fähigkeiten nicht unbedingt gesellschaftliche Akzeptanz nach sich ziehen; er lernt, was Freundschaft und Altruismus bedeuten, und beginnt, seine soziale Intelligenz und Kompetenz zu trainieren; und schließlich ist auch er in der Lage, wahres Glück, echte Trauer und Freude zum empfinden.

Insgesamt gelingt Orson Scott Card das Kunststück, Bean als Homo Superior darzustellen, ohne dabei seine Kindlichkeit zu vernachlässigen. Immer wieder rufen Passagen wie die folgende dem Leser ins Gedächtnis, dass Bean eben kein Erwachsener ist, sondern "nur" ein übergeniales Kind.
"Dann schaute er seine kleinen Hände an und die Hände des Jungen neben ihm.
Ich sehe im Vergleich mit ihnen [Anm.: den anderen Kindern] wirklich wie ein Puppe aus." [S. 98]
Bean weckt auch deshalb nicht die Ressentiments, die man als Erwachsener oftmals altklugen Kindern entgegenbringt, weil der Leser ihn von Beginn an als "wirklich" klug erfährt.

Zwar ist Bean der zentrale Charakter dieses Romans, dennoch spielt auch Ender Wiggins keine unerhebliche Rolle, ist er doch der Maßstab, an dem Bean von Dritten gemessen wird und sich selbst misst. Lesern mit Vorkenntnissen dürfte das Betrachten und Bewerten "ihres bekannten Helden" aus der Perspektive eines anderen Charakters ganz neue Aspekte erschließen. Ebenso bieten Beans ironische bis zynische Ansichten über das Militär oder die Gottgläubigkeit Carlottas immer wieder Anlass zum Schmunzeln oder beifälligem Kopfnicken.

Die einzige Schwäche -falls man überhaupt davon reden kann- tritt gegen Ende des Romans zutage, wenn sich der Fokus von der Figur Beans stärker auf die äußeren, technischen Umstände und den Feldzug gegen die Schaben verlagert. Hier verliert die Geschichte zwar etwas an Faszination, bleibt aber dennoch eine lesenswerte und spannende Space-Opera.

Fazit: Ein von der ersten bis zur letzten Seite fesselnder und meisterhaft erzählter Roman, dessen Stärken nicht in einer actionbetonten Handlung liegen, sondern in der sozialpsychologisch fundierten Auseinandersetzung mit dem Wesen des Menschen.Den Artikel im Blog lesen
 
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