Rezension Dreamland #2

Nepharite

Erstgeborener
Brian Lumley, Hans Gerwien - Dreamland Band 2 - Schiff der Träume


[User-Rezi] von Nepharite


David Hero und Eldin der Wanderer können die Früchte ihrer vergangenen Abenteuer nicht genießen. Ihr kriminelles, gieriges Wesen lässt sie einmal mehr in Konflikt mit der Obrigkeit geraten. Dieses Mal sind es die Stadtherren von Celephais, welche die beiden Taugenichtse in Schimpf, Schande und Lumpen aus ihrer Stadt verbannen.

Das Schicksal führt die Orientierungslosen daraufhin in die schwebende Stadt Serannian, Residenz des Königs Kunares. Selbiger hat ernsthafte Probleme damit, seine Stadt auch zukünftig am Schweben zu halten, denn eine Armee von Untoten unter Führung der morbid-betörenden Herrscherin Zura hat seiner Stadt den Krieg erklärt und verfügt neben schwebenden Kriegsschiffen scheinbar über weitere alchemistische Mittel und Wege, Serannians geniale Maschinerie zu sabotieren. Kuranes stellt Eldin und Hero vor die Wahl: entweder Spitzeldienst im Lande Zura(s) oder Gefängnis. Die Wahl fällt unseren Erhellten auf Grund der Assoziationskette "Knast in Serannian->Serannian fällt vom Himmel->Autsch" nicht allzu schwer.
Kaum aufgebrochen finden sich die Tollkühnen schon in Gefangenschaft auf Zuras Flaggschiff, der Lachenden Leiche, wieder. Eine Flucht ist natürlich "Ehrensache" und so verschlägt es die beiden Wagemutigen flugs in die Unterwelt des Traumlandes. Nachdem sie sich mit einem Geist aus ihrer Vergangenheit, Dunkel Dürren, Dholen und sonstigem Kroppzeugs herumgeschlagen mussten, erreichen die Glücklichen zufälligerweise gerade rechtzeitig Serannian, um am großen Showdown mit Zuras Armee teilnehmen zu können.

Wer sich nach dem misslungenen ersten Dreamland-Band eine qualitative Steigerung erhofft hatte, den holen schon die kruden ersten zehn Seiten des Buches auf den Boden der deprimierenden Tatsachen zurück.
Hölzerne Dialoge, trotz eines minimalistisch anmutenden Satzbaus umständlich und gestelzt wirkende Formulierungen (^^), bildarme, fantasielose Sprache und ein simpel aufgebauter Handlungsbogen -von Spannung mag ich nicht sprechen- lassen Dreamland 2 formal-stilistisch sogar noch hinter den ersten Teil zurück fallen. Wie groß jeweils der Anteil Lumleys und der des neuen Übersetzers Gerwien an diesem Trauerspiel ist, lasse ich mal dahingestellt, denn eines ist sicher: für die inhaltlichen Mängel zeichnet ganz allein der Autor verantwortlich.

Die beiden Hauptprotagonisten existieren -wie auch die übrigen Handlungsträger- im geschichtslosen und beziehungslosen Raum lediglich als Namen, nicht als lebendige, plastisch und liebevoll gezeichnete Charaktere, zu denen der Durchschnittsleser eine emotionale Beziehung aufbauen kann. (Und selbst in der Wahl der Namen wird Lumleys fehlendes Augenmaß deutlich: "Hero" für einen hedonistischen, egozentrischen Kleinkrimminellen, dessen einzig überzeugend dargestelltes Merkmal seine kolossale Selbstüberschätzung ist; "der Wanderer" als Beiname eines Menschen, der zwar sämtliche Örtlichkeiten des Dreamlands mit Plattitüden zu kommentieren weiß, jedoch die meisten handlungsrelevanten Orte scheinbar nur vom Hörensagen kennt.)

Ähnlich geringe Aufmerksamkeit widmet Lumley der Ausarbeitung der Lokalitäten: Celephais, die schwebende Stadt Serannian, die Unterwelt oder Zura, das Land der Toten bleiben unbestimmt und damit leider auch so uninteressant wie der Parkplatz des Supermarktes draußen vor der Stadt (... an einem Sonntagabend).

Wie schon im ersten Band beschränkt sich der Autor in seinem Beitrag am Dreamland auf ein Minimum an eigenen, mehr oder weniger originellen Ideen, die zudem nur rudimentär auf- und ausgebaut werden, und vergeht sich in seinem oberflächlichen, lustlosen Zitieren ansonsten skrupellos am Schöpfer dieser Welt: H.P.Lovecraft (.. gepriesen sei sein Name .. Halleluja ..).

Der größte Mangel dieses Romanes liegt jedoch im seinem Aufbau: "sprunghaft", "zufallsbestimmt", "widerprüchlich" und "nicht plausibel" sind in dieser Schlichtheit noch gewaltige Untertreibungen.
Ein eklatantes Beispiel für das ständig schwärende "Hä?"-Gefühl: Gegen Ende des Romans mutmaßen die "Helden" mit gutem Grund, dass Saboteure in jene Maschinen-Anlagen eingedrungen sein könnten, die Serannian schweben lassen. Wie gesagt- ein Ausfall dieser Maschinen ließe die Stadt vom Himmel stürzen. Was tut ein wahrer Held angesichts dieser Erkenntnis? Richtig: er erzählt ein Geschichtchen, nimmt ein Bad, schlägt sich den Wanst voll und begibt sich schließlich in sein Gemach, um in weichen Daunen in Morpheus Arme zu sinken.
Ein weiteres große Mysterium ist Eldins Phänotypus: mal ist er gewaltig, riesig, furchteinflößend, dann wieder hager und irgendwie dürr. Der aufmerksame Leser wird zahlreiche ähnlich geartete Beispiele finden und ihn wird unweigerlich das Gefühl beschleichen, der Autor habe über das Schreiben das Denken vergessen.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die letzten 25 Seiten des Buches nur noch "in großer Höhe" überflogen habe, denn folgender, in seiner blumigen Ausdrucksweise und Länge fast schon einmalige, in seiner Trivialität jedoch exemplarische Absatz hat mir intellektuell den Rest gegeben:
"David Hero, der Held der Träume, wie ein jugendlicher Gott aus den frühen Tagen des Traumlands -ein Gott mit dem kalten Grinsen eines Dämons- durchtrennte mit einem Schlag seines blitzenden Schwertes den grauen, ledrigen Hals eines völlig überraschten Zombies. Und Eldin der Wanderer, dieser große Gorilla mit den vernarbten Gesicht, brüllte seinen ganzen Zorn mit einer Stimme hinaus, die sogar den Maschinenlärm übertönte, und durchschlug das Handgelenk eines ohnehin schon toten Mannes, als dieser nach einem der tödlichen Gasbehälter griff.
Danach herrschten blanker Wahnsinn und triumphales Schreien ..." [S. 198]

.. wie wahr ... wie wahr

Fazit: Wer Vergnügen daraus zieht, zwei unsympathische Maulhelden beim tumben Stolpern durch eine einfallslose, unplausible Story zu begleiten, der kann getrost zugreifen. Ich -für meinen Teil- habe mich nach einem der schlechtesten Fantasy-Romane, denen ich Laufe meines langen Leselebens begegnet bin, und in bitterer Erinnerung an Band 1 (Dreamland) und 2 (Jirel, die Amazone) bis auf weiteres ganz aus der Dark Fantasy (& SF)-Reihe des Festa Verlags verabschiedet.Den Artikel im Blog lesen
 
Oben Unten