Der letzte Herbst... [Wechselbalg]

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Memnoch

2-11-13-4
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Richard saß wie jeden Tag im Tagesraum des Pflegeheimes in dem er nun schon seit einigen Jahren lebte. Wie die Tage und Monate davor saß er allein in seiner Ecke um ihn herum die Szenerie, die sich ihm immer wieder bot. Der Fernseher, der das langweilige Tagesprogramm herableierte, dass die Menschen abstumpfen ließ und die Träume im Keim erstickte, weil man im Fernsehen alles vorgekaut bekam. Wahre Träume gab es an diesem Ort schon lange nicht mehr. Viele Träume wurden aus Hoffnung geboren und die Hoffnung ist etwas, was hier sehr schnell starb. Er seufzte. Sicher, er hatte sein Zimmer in dem besten, teuersten und luxuriösesten Altenheim der Stadt, einer sogenannten Pflegeresidenz, bezogen, aber auch daran konnte er sich kaum noch erfreuen, war es doch das mindeste was ihm zustand. Von den Schwestern wurde der alte Brummkopf so gut es ging gemieden. Immer hatte er an allem etwas auszusetzen. Außerdem war er ihnen unheimlich. Kurz nachdem er hier angekommen war, wurde Richard von Kopfschmerzen geplagt, die seitdem nie wieder verschwinden wollten. Weder der Arzt, noch sonst jemand hatte herausfinden können, woher diese mysteriösen Kopfschmerzen kamen, aber Richard wusste genau, woher sie kamen. Es war die Banalität an diesem Ort, die schwer auf seiner Seele lastete, seinen Körper in Mitleidenschaft zog und sein Herz mit dichtem Nebel umwob. Er schob seinen Rollstuhl an den Tischen vorbei, vorbei an Frau Gundlach, die wie immer ein altes Volkslied mit dem falschen Text vor sich hin sang, vorbei an Frau Sauer, die wie ein Sack Kartoffeln eingefallen in ihrem Rollstuhl saß, geradewegs auf die Tür zu, den Flur entlang zu seinem Zimmer. Eine Schwester wollte ihm die Tür aufhalten, doch er meckerte sie nur an: „Das kann ich schon noch alleine. Von euch lass ich mich nicht zum armen alten Krüppel machen.“ Die Schwester zuckte mit den Schultern, drehte sich um und ging den Flur zum Stationszimmer entlang, wobei sie die Augen verdrehte. Das gemurmelte „Mürrischer, verbitterter, alter Kauz!“ drang schon nicht mehr an Richards Ohren. Mühsam öffnete er die Tür und schob sich in sein Zimmer. Auf Besuch hoffte er schon lange nicht mehr, der kam ja ohnehin nicht und so blickte er aus dem Fenster und wartete auf den Sonnenuntergang, den die Schwestern ihn ohnehin nicht sehen ließen, weil er vorher zu Bett musste. „Richard ap Dougal, wie konnte es mit dir eigentlich so weit kommen?“, seufzte er in einem traurigen Tonfall, der gleich wieder mürrisch wurde: „Als Sidhe und ehemaliger Herrscher dieser Stadt hätte ich eigentlich mehr erwarten können, aber nein, kaum hat man seinen Thron verlassen, schon vergessen sie einen. Wenn dieser Gabriel ap Gwydion nicht aufgetaucht wäre, dann säße ich nicht hier, sondern in meinem Gemach.“



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Michael „Rabenfeder“ schritt auf dem alten Kopfsteinpflaster durch die Altstadt Marburgs. Er betrachtete die Häuser genau, denn er liebte die Symbiose, die mittelalterliche Bauten mit neumodischen Häusern eingingen um sich wie von Zauberhand zu einem passenden Ganzen zusammenzufügen. Schon immer regte die Altstadt die Bewohner Marburgs zum Träumen an, wodurch diese Stadt einmal ein Paradies für Kithain gewesen war. Heute war es anders, zumindest für die Gemeinen, wie er und die anderen, die nicht vom Feen-Adel waren bezeichnet wurden. Seit Lord Gabriel die Herrschaft der Stadt an sich gerissen hatte, hatten die anderen Kithain, die nicht zu seinem Hof gehörten nichts mehr zu lachen. Alle Freistätten waren von seinen Wächtern besetzt worden, die niemanden herein ließen, es sei denn er wäre ein Mitglied des Feen-Adels. Das war eine seiner ‚Disziplinierungen’. Er liebte dieses Wort wohl, denn er erhob immer neue dieser ‚Maßnahmen um des Friedens Willen’. Er meinte dies würde den Streit zwischen den Gemeinen schlichten, doch zu Graf Richards Zeiten waren die Freistätten frei für jeden gewesen und es hatte nie Probleme gegeben. Der Grund für diese spezielle Maßnahme war Frederic gewesen, ein Pooka, der in seiner selbst verlegten Wochenzeitung einen Artikel geschrieben hatte, indem er diverse unangenehme Gerüchte über Lord Gabriel verbreitet hatte. Dummerweise hatte die Hauptfigur des Artikels eines der Exemplare in seine hochwohlgeborenen Finger bekommen. Michael blieb kurz vor dem Brunnen auf dem Marktplatz stehen. Die Figur, die den Brunnen zierte, war Siegfried der Drachentöter, wie er seinen Speer in des Lindwurms Leib stieß. Verträumt betrachtete er das Bildnis und stellte sich vor, wie er selbst den goldenen Falken zu Fall brachte. Wehmütig riss er sich von dem Brunnen weg, der Gedanke dahinter blieb jedoch bestehen und begleitete ihn den Weg hinauf zu der Tür des ‚Hinkelsteins’. Das ‚Hinkelstein’ war eine alte Taverne, die sich in einem in Stein gehauenen unterirdischen Keller befand. Beleuchtet wurde es schwach durch ein paar spärlich angebrachte Lampen und ein paar Kerzen auf jedem Tisch. Michael öffnete die Tür und ging die, ebenfalls in Stein gehauene und somit schwer begehbare, Treppe in die Kellergewölbe hinab. Geführt wurde das Lokal von Cedric, einem alten aber gutmütigen Heinzelmännchen-Grummeling, den es aus dem fernen Irland nach Hessen verschlagen hatte. Einmal in der Woche, am Freitag, war der ‚Hinkelstein nur für Kithain geöffnet und wenn sich auch nur ein Sidhe dort blicken ließ, dann stand Cedric schon mit seiner altmodischen Holzkeule bereit um jeden ungebetenen Gast zu zeigen wo der Ausgang war. Auch das war erst seitdem Haus Gwydion die Macht in der Stadt an sich gerissen hatte. Heute war auch wieder Freitag und es hatten sich schon ein paar Kithain versammelt. Sie alle saßen um zwei zusammengestellte Tische herum und hatten allesamt trübe Gesichter. „Freunde, was blast ihr Trübsal? Lasst den Unmut doch wenigstens aus unserem letzten freien Ort draußen.“, sagte Rabenfeder. „Wie können wir das, wenn alles nur noch schlimmer wird in dieser Stadt. Es dauert nicht lange, dann kommt ihre fischige Matjestät noch auf die Idee uns auch diesen Versammlungsort zu nehmen.“, brummelte Lukas, ein Satyr-Grummeling, der schon fast so lange hier war, wie der alte Cedric, der sich darauf zu Wort meldete: “Solange ich noch lebe setzt keine Sidhe seinen Fuß weiter als drei Schritte hier rein. Das könnt ihr aber glauben.“ Ein spitzbübisches Lächeln umspielte Michaels Gesicht, als er erneut das Wort ergriff: „Freunde, mit ein wenig Mut zum Träumen und etwas Glück können wir schon bald besseren Zeiten entgegenblicken. Ich bin die letzten Tage und auch ein paar Nächte durch die Stadt geflogen und habe durch jedes erdenkliche Fenster gesehen. Ich weis jetzt, wohin Graf Richard verbannt wurde. Er lebt in einem Altenpflegeheim. Lord Gabriel hat wohl gehofft, dass die Banalität ihn dort dahinraffen würde, doch ich wusste, dass unser alter Herrscher stärker ist. Doch er wird uns im Kampf gegen Gabriel selbst kaum eine Hilfe sein, doch ich weis wie er uns helfen kann den Sieg für uns zu erringen. Sarah hat mir bei der Ausarbeitung eines Planes geholfen.“ Fast hätten die Anwesenden das Flüstern, das aus einer kaum beleuchteten Ecke kam überhört, als sich Sarah, die einzige Sluagh der Stadt, die von den meisten Kithain Marburgs schon fast vergessen war, zu Wort meldete: „Ich weis, dass Marcus Eisenfaust, der Sohn Richards im Hexenturm am Schloss gefangengehalten wird, gekettet in kalt geschmiedetem Eisen. Ich sah ihm, als ich kürzlich dort war. Zudem weis ich, dass Richard im Traum eine Schmiede hatte, zu der er durch die Freistätten gelangen konnte. Er muss uns ein Schwert schmieden, dessen Kraft stärker als das Eisen ist, so dass es die Fesseln durchtrennen kann.“ „Aber die Freistätten sind bewacht. Wenn einer von Gabriels Wächtern den Grafen dort sieht, so wird Gabriel vorgewarnt sein und könnte ahnen, was ihm bevorsteht.“, unterbrach Lukas die Sluagh. Wieder schlich sich dieses spitzbübische Grinsen auf Michaels Gesicht.



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Richard erwachte, auch wenn er den Schlaf nur schwer von seinem Geist schütteln konnte. Etwas pickte gegen die Scheibe seines Fensters. Langsam hob er sich selbst in seinen Rollstuhl, löste die Bremsen und schob sich zu seinem Fenster. Draußen auf dem Fensterbrett stand ein großer schwarzer Rabe, der unentwegt mit seinem Schnabel gegen das Fenster schlug, als wolle er hineingelassen werden. Richard öffnete das Fenster und der Rabe flog herein. Im Zimmer angekommen wandelte er sich in die Gestalt eines jungen Mannes. Er trug einen langen schwarzen Ledermantel, der ihn nur noch schmaler erscheinen ließ. Das Haar des Mannes war durchsetzt mit schwarzen Federn. „Michael Rabenfeder zu Euren Diensten Eure Majestät.“ Bei diesen Worten verneigte er sich leicht. „Was willst du hier junger Pooka. Ich dachte schon ihr hättet euren alten Herrscher vollends vergessen.“, murrte der Sidhe. „Wir wollen Haus Dougal wieder auf den Thron verhelfen, doch dazu bedarf es Eurer Hilfe Graf Richard. Wir wollen Euren Sohn aus den Klauen des Falken befreien, damit Haus Dougal Marburg zu alter Blüte verhilft.“ Richard musterte den Pooka skeptisch. Was konnte ein Pooka schon ausrichten? Aber er hatte schon damals gelernt, die Gemeinen zu achten. Zwar waren die Sidhe von Geburt an zum Herrschen bestimmt, doch ein Lehen konnte nur in Zusammenarbeit mit den Gemeinen erblühen. „Was habt Ihr vor?“, fragte er ihn mit einem stechenden Blick aus den alten Augen. Michael schilderte ihm die Situation in der Stadt und erklärte ihm den Plan, den er sich zurecht gelegt hatte. Als der alte Herrscher hörte, zu was sein Lehen verkommen war, trat das alte Feuer in seine Augen. „Bring mich hier heraus und ich werde euch das Schwert schmieden. Es soll mein Meisterstück werden.“ Etwas unbeholfen unterstützte Michael den Grafen, sich seiner Schlafkleidung zu entledigen und sich angemessene Kleidung anzutun. Schon jetzt strahlte der Sidhe die Würde eines Königs aus. Der Pooka schob ihn aus seinem Zimmer und am Schwesternzimmer vorbei. Sofort sprang die Nachtschwester auf und wollte die beiden aufhalten: „Wer sind Sie und wie sind Sie hier reingekommen?“ Michael lächelte sie an und begann damit ein kurzes Gedicht aufzusagen, in das er ein wenig Glamour einwob:



[ALIGN=center]Dicht wie die Nebel
Seien umwoben deine Gedanken.
Fest wie ein Knebel
Und kommst du auch ins Wanken
Schweigst du ewig still.
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Die Schwester blieb auf einmal stehen und sah die beiden verwirrt an. Michael aber drehte sich um und setzte seinen Weg zum Fahrstuhl fort. Als sich die Fahrstuhltür hinter den beiden schloss schüttelte die Pflegerin kurz den Kopf und hatte die Begebenheit vergessen. Sie wunderte sich nur, was sie auf dem Flur gemacht hatte, als sie das Piepen hörte, dass aus dem Schwesternzimmer kam. Frau Gundlach hatte geklingelt. Wahrscheinlich musste sie zur Toilette.

Die beiden Kithain verließen jedoch das Altenheim ungesehen und Michael brachte den Grafen zu einem alten VW-Bus. Dort drinnen saßen schon Sarah, Lukas und Cedric, die ihren wahren Herrscher freudig in Empfang nahmen. Michael allerdings setzte sich ans Steuer und lenkte den Wagen auf die Straße, die ihn auf die Lahnberge führen würden.



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Die gesamte Gruppe stapfte durch den Wald, der größtenteils schon braun, rot und gelb gefärbt war und auch ein paar Blätter hatten sich schon ein weiches Bett auf dem Waldboden gesucht. Michael schob angestrengt den Grafen den Berg hinauf. Begleitet wurden sie von den Rufen der Eulen und dem Zirpen der Grillen. „Was machen wir eigentlich mitten in der Nacht im Wald, kann mir das mal einer erzählen?“, meckerte Lukas. „Hier im Wald gibt es noch eine Freistatt, die nicht in Gabriels Hände gefallen ist“, zischte Sarah „aber sie wird von einem Troll bewacht, der weit älter ist als jeder von uns, Ihre Majestät ausgenommen. Manchmal komme ich hier rauf und bringe dem alten Arnulf etwas zu essen und erzähle ihm von den Geschehnissen der Stadt. Denkt aber nicht, dass es leicht wird, an ihm vorbei zu kommen. Er bewacht diese Grotte schon seit ich mich erinnern kann und er wird uns nicht mal durch das Wort des Grafen hereinlassen, denn ein Eid bindet ihn an diesen Ort. Nur wer eine Aufgabe löst oder im Kampf gegen ihn besteht wird eingelassen werden.“ Diese Worte stimmten die Verschwörer nicht gerade glücklicher, aber sie hatten die Hoffnung zumindest nicht aufgegeben, dass ihr Ziel zu schaffen war. Richard hingegen schien je länger sie unterwegs waren mehr und mehr aufzuleben. Das Gewicht der Banalität lastete nicht mehr auf ihm und zum ersten Mal seit langer Zeit plagte ihn nicht mehr der dumpfe Kopfschmerz. Alle spürten sie den Glamour, der diesen Ort umgab. Sie hatten das Gefühl, als müssten sie nur die Hand danach ausstrecken um ihn zu greifen und schon bald konnten sie den grünen Schimmer des Baalsfeuers sehen, der aus der Höhle strömte. Sie sahen auch Arnulf, der gerade vor dem Eingang stand und seinen Blick zu den Sternen gerichtet hatte. Mit seinen annähernd 3.20 Metern war er der größte Troll, den sie je gesehen hatten. Er hatte langes weißes Haar, welches er zum Zopf gebunden hatte und auch sein Bart endete in zwei Zöpfen. Er war gekleidet in eine grüne Tunika, die durch einen breiten braunen Riemen gegürtet war. Darüber trug er einen blauen Wollumhang und seine Füße steckten in schweren braunen Lederstiefeln. Am Eingang lehnte ein riesiger Kriegshammer, welcher der Gruppe klar machte, dass Kampf der falsche Weg war. Als der Troll sie bemerkte und sie als Kithain erkannte, rief er ihnen mit donnernder und rauer Stimme zu: „Ich bin Arnulf, Wächter der Freistätten und Baalsfeuer des Waldes, wer seid ihr und was ist euer Begehr?“ Michael schluckte, aber er gab den Rollstuhl an Sarah weiter und trat auf den Hühnen zu. „Ich bin Michael Rabenfeder und wir wollen in die Freistatt um dies Land wieder in die Hände des rechten Herrschers zu übergeben.“ „So erfüllt meine Aufgabe oder stellt euch zum Kampf, dann erst werdet ihr eingelassen.“, lautete Arnulfs Antwort. „So nennt Eure Bedingung und wir werden uns der Queste stellen.“ Arnulf brummte etwas und ergriff dann wieder das Wort: „Dort am anderen Ende des Waldes ist eine Anhöhe mit einem alten Horst. Einst vor langer Zeit als die Bäume hier noch jung waren nisteten dort die ehrwürdigen Greifen. Jetzt sind sie fort, doch ihre Eier überdauern, wenn sie geschützt sind Jahrtausende. Bringt mir eines, auf dass sie wieder fliegen werden und ich will euch Einlass gewähren.“ Michael seufzte schwer. Mühelos hätte er zu dem Horst fliegen können, doch hätte er das Ei niemals herunterbringen können, als ihm der alte Bock eine Hand auf die Schulter legte. „Das ist eine Aufgabe für einen Satyr und wenn meine alten Gelenke noch nicht zu sehr eingerostet sind, so wird es kein Problem sein will ich meinen. Wartet hier, ich werde es bringen.“ Mit diesen Worten verschwand er in der Dunkelheit.

Als Lukas an der Anhöhe angekommen war verfluchte er sich selbst für seine Worte. Es erwies sich selbst für ihn als Satyr als schwer, die steile Felswand zu erklimmen und in den Horst zu gelangen. Mehrere Male wäre er beinahe abgerutscht und mit dem Ei im Arm wieder herunterzuklettern war ein Greuel, doch mit viel Glück hatte er es geschafft und kehrte mit dem Ei zu den anderen zurück. Arnulf nickte anerkennend und ließ sie in die Grotte. Drinnen angekommen schob sich Graf Richard an das lodernde Baalsfeuer und erhob seine Hände. „Feuer Baals gewähre mir Einlass in die Heimat, wo die Träume noch rein sind. Feuer Baals öffne dich!“, sprach er mit feierlicher Stimme und tatsächlich, das Feuer teilte sich, kroch an unsichtbaren Wänden empor und schloss sich oben zu einem Torbogen, durch den sie alle schritten.



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Graf Richard ließ es sich nicht nehmen selbst die Tür zu seiner alten Schmiede zu öffnen. Alles war noch, wie er es hinterlassen hatte, nicht mal Staub hatte sich hier abgesetzt. Er sog die klare Luft ein, die seine Lebensgeister erquickten. Viel zu lange war er dem Traum fern geblieben. Hier gab es keine Banalität, hier in seiner alten Schmiede gab es nur Frieden. Er rollte zu seinem Amboss und griff nach dem verzierten Schmiedehammer. Schwer wog er in den Händen des Sidhe. „Schürt das Feuer in der Esse! Bringt mir die Rohstoffe! Wir werden dem alten Gwydion schon zeigen, dass der Traum stärker ist als das Eisen mit dem er meinen Sohn zu binden sucht!“



Alle hatten sie mitgeholfen und angepackt. Als Ergebnis hielt Graf Richard ein Schwer hoch, wie es nicht schöner sein konnte. Das Heft war golden und auf beiden Seiten war das Wappen Haus Dougals eingearbeitet, auf der Klinge jedoch war umrahmt von verschnörkelten Verzierungen das Bild des Siegfried in feinen Linien eingraviert, wie er den Drachen tötete. Das Schwert glänzte im goldenen Licht, dass sie umgab. „Caliburnus sollst du heißen, Schneidestahl und so wie dein Vetter im Namen dem legendären König Artus half sein Reich Camelot zu verteidigen, so sollst du mein Reich zu neuem Glanze verhelfen!“



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Sarah schlich die Stufen, die an der äußeren Wand des Turmes nach oben führten hinauf um auf der Plattform anzukommen. Inmitten des Bodens war ein schweres Eisengitter eingelassen, an dem sie ein Seil festmachte. Sie wand sich durch die schmalen Löcher im Gitter, durch die außer einer Sluagh niemand anderes gekommen wäre und ließ sich am Seil hinab, das Schwert Caliburnus an ihrer Seite. In tiefen Schatten hing an die Wand gekettet Marcus Eisenfaust, der Sohn des Grafen. Lethargisch blickte er aus seiner Apathie heraus zu ihr auf, ließ den Kopf aber gleich wieder sinken. Sie zog das Schwert und in der Bewegung begann es leise zu singen. Mit zwei Hieben durchtrennte sie die Ketten, die den jungen Sidhe hielten, worauf er vor ihr auf die Knie sank. Sie hörte, wie das Tor von außen aufgebrochen wurde und fluchte innerlich, dass ihre Begleiter nicht so leise sein konnten wie sie selbst. Das Portal wurde geöffnet und die anderen traten ein. So verharrten sie eine Weile, bis der junge Dougal, der nicht minder stark war als sein Vater, die Fesseln der Banalität, welche die Ketten um seinen Geist gelegt hatten, abwarf. Langsam kam er wieder auf seine Beine und sah seine Retter an. Die Augen, die von der Banalität in stumpfem Grau gefärbt waren, erlangten ihr silbriges Leuchten wieder und ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als er seinen Vater erkannte. „Mein Sohn, schön dich wiederzusehen, zu lange ist es her, doch lass uns die Freude auf später verschieben, denn sie soll noch ansteigen. Heute Nacht gilt es Gabriel zu Fall zu bringen und den Thron wieder dem rechtmäßigen Herrscher zu übergeben. Ergreife das Schwert mein Sohn und zeige ihm woraus ein Dougal gemacht ist.“ Sarah reichte ihm das Schwert und wie er es in den Händen hielt wirkte er wie eine Lichtgestalt, ganz gleich in welche Lumpen sein edler Leib gehüllt war. Marcus hob das Schwert empor und das Mondlicht, dass davon reflektiert wurde erzählte von einem großen Sieg.



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Lord Gabriel ap Gwydion saß auf seinem Thron. Schon die ganze Nacht wurde er das ungute Gefühl nicht los, dass sich etwas zusammenbraute. Die Gemeinen planten etwas hinter seinem Rücken, das taten sie immer, ihnen war nicht zu trauen. Er fragte sich, ob er sie nicht schon zur Genüge in ihre Schranken verwiesen hatte. Am liebsten hätte er sie ganz aus seinem Lehen verjagt, doch es gab zwei Gründe die dagegen sprachen. Wäre er diesen Schritt gegangen, dann hätten die anderen Herrscher der angrenzenden Lehen ihn von seinem Thron geworfen. Der andere Grund war, dass zu einem Herrscher zwangsläufig auch Fußvolk gehörte. Er merkte nicht mal, dass es seiner Seele einen verdorbenen Spaß bereitete das gemeine Volk seine unanfechtbare Macht und Herrschaft spüren zu lassen. Er erhob sich aus seinem Thron und ging nervös in dem großen Saal auf dem spiegelnden marmornen Boden auf und ab. Seine Hand strich über einen der schweren Wandteppiche, die alle das Wappen seines Hauses zeigten. Warum verstanden die Gemeinen nicht, dass es einen Herrscher brauchte, der entschieden vorging um ein Lehen zu führen. Um ein Reich zu erhalten mussten eben Opfer gebracht werden.

Aber irgendetwas war da draußen im Gange, das spürte er. Er holte aus einer Tasche seines Gewandes ein Mobiltelefon hervor und wählte eine Nummer. „Gabriel Cunningham hier. Sagen Sie, hat Herr Richard von Manteuffel heute Abend sein Zimmer verlassen?“ Die Frau am anderen Ende verneinte die Frage und erklärte, dass er sich am Abend schlafen gelegt hatte nicht aufgestanden sei. Er hätte klingeln müssen, da seine Beeinträchtigung der Beine es unmöglich machte alleine in den Rollstuhl zu kommen. Ohne ein weiteres Wort legte er auf und wollte gerade sein Telefon wieder verstauen, als er vor dem Portal zum Thronsaal Getöse hörte. Die beiden Türflügel wurden aufgestoßen und prallten ein wenig an der Wand zurück. Vor ihm stand Marcus Eisenfaust ap Dougal, sein Vater Graf Richard ap Dougal in seinem Rollstuhl und um sie herum eine kleine Gruppe Gemeiner. Ehe Gabriel sich fragen konnte stürmte Marcus, ein schimärisches Schwert hoch erhoben auf ihn zu und zwang Gabriel sein eigenes Schwert zu ziehen. Nur mit Mühe konnte er dem ersten Hieb ausweichen und schon setzte sein Gegner leichtfüßig zu einem weiterem Angriff an, das Gesicht grimmig verzerrt. Gabriel konnte parieren und holte mit seinem Schwert aus, als er es frei bekam. Darin lag sein Fehler, denn Marcus nutzte die Gelegenheit, in der Gabriel ungeschützt war und der schimärische Stahl Caliburnus’ schnitt sich durch das Fleisch des Sidhe, als wäre kein Widerstand vorhanden. Blutend und schwer getroffen sank Gabriel auf die Knie und spürte, wie die Spitze des Schwertes die Haut an seiner Kehle leicht ritzte. „Heute sollst du nicht sterben, denn von heute an soll wieder Gerechtigkeit in diese Stadt einziehen, doch du wirst in Schande verbannt, deiner Ehre beraubt und für alle Zeit aus dem Adel des lichten Volkes verstoßen.“



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Michael, Sarah und Lukas gingen an diesem Abend den von Fackeln gesäumten Weg zum Schloss empor. Diese Nacht war deutlich wärmer als die Vergangenen. Ein schöner Altweibersommer war über die Stadt gekommen. Keiner von ihnen sprach auch nur ein Wort, zu groß war noch die Freude, dass diese Stadt wieder ihrem rechtmäßigen Herren übergeben worden war. Als aus dem Restaurant „Zum Schloss“, dass am Rand des Weges stand vorbeikamen und dort lauter Jubel erschall, als die Fußball-Mannschaft des Stammtisches durch ein Tor in Führung ging, konnten auch sie sich ein ausgelassenes Lachen nicht verkneifen. Sie gingen durch den Schlosspark, den Duft der Bäume und des Grases in sich aufnehmend. Am Tor wurden sie in Empfang genommen und in den Thronsaal geführt.

Vor dem Thron stand Graf Marcus Eisenfaust ap Dougal, gekleidet in ein kostbares Gewand und den Schmalen Reifen einer silbernen Krone auf dem Haupt und an seiner Seite saß sein Vater. Als sie vor ihm angekommen waren hob er kurz die Hand um zu zeigen, dass sie ihm das Reden überlassen sollten. „Für eure Dienste am Haus Dougal, für die Mühen, die ihr auf euch genommen habt und für die Gefahren denen ihr euch gestellt habt sollt ihr heute Abend in den Stand der Ritterschaft erhoben werden. Kniet nieder.“


Die Geschichte ist zwar auch auf meiner Homepage zu finden, aber ich dachte mir, hier schaut mal her jemand hin und hier krieg ich auch Feedback.
 

Skar

Dr. Spiele
Teammitglied
Administrator
Schöne Geschichte und gut geschrieben. Leider fehlt mir der Hintergrund für Wechselbalg, daher hinke ich mit dem Verstehen etwas hinterher.
 
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