Rezension Bayonetta [B!-Rezi]

Tellurian

Ex-M0derat0r
Bayonetta


Und sie können es doch noch, die Japaner.
Entwicklerstudio Platinum Games und Hideki Kamiya wissen wie perfekte Videospiele auszusehen haben. Wie aus dem Medium alles rauszuholen ist.
Platinum Games sind für Videospiele in etwa das, was Quentin Tarantino fürs Filmemachen ist. Jemand der verstanden hat worum es geht. Jemand der eine Begeisterung für sein Medium mitbringt.
Platinum Games, wie auch Clover, das Entwicklerstudio aus dem Platinum Games 2007 hervorging, sowie die Designer die sich unter diesem Label vereinigt haben, stellten dies in der Vergangenheit wieder und wieder unter Beweis: Shinji Mikami, Erfinder der Resident Evil Reihe ist mit dabei. Akira Yamaoka, musikalisches Mastermind der Silent Hill Serie hat kürzlich Konami verlassen um mit Mikami zusammen bei Platinum arbeiten zu können.
Und natürlich Hideki Kamiya, Erfinder von Devil May Cry, sowie führender Kopf hinter dem Kritikerliebling Okami.
Letzterer ist beim vorliegenden Titel Bayonetta ebenfalls in der Position des Directors vertreten.
Da verwundert es auch gleich sehr viel weniger, dass Bayonetta die logische Fortführung des Spielprinzips von Devil May Cry ist.
Aber die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht, so haben sich zu Devil May Cry inzwischen drei Fortsetzungen gesellt (von denen nur eine etwas taugt, aber das ist eine andere Geschichte). Außerdem gibt es eine ganze Latte von Spieleserien die an das Devil May Cry Prinzip anschließen. Ninja Gaiden. God of War. Und seit kurzem auch Electronic Arts Dante's Inferno. Um nur die prominentesten Vertreter des Genres zu nennen.
Und wie es nicht anders zu erwarten war, übertrumpft Bayonetta sämtliche Schwergewichte des Genres mit spielerischer Leichtigkeit.
Was hebt Bayonetta also über all diese Titel heraus? Eben das. Leichtigkeit. Bayonetta geht extrem gut von der Hand, ist intuitiv und einfach zu lernen. Die Herausforderung des Spiels ist es, das Spiel zu meistern. Theoretisch lässt es sich mit einem einzigen Knopf spielen wenn einer der einfacheren Schwierigkeitsgrade gewählt wird. Dabei entfaltet das Spiel aber erst alle seine diversen Reize, wenn die Gegnermassen von allen Seiten auf die namensgebende Spielfigur zustürmen.
Bayonetta ist ein Fest für die Augen. Umgebungen und Gegner sind mit einer Liebe zum Detail gestaltet, die seinesgleichen sucht.
Dann ist da das Gameplay an sich. Das zwar Devil May Cry ähnlich, die Verwandschaft lässt sich nicht leugnen, aber doch ganz anders.
Ausweichen ist essentiell. Wenn Bayonetta einem Angriff knapp aus dem Weg geht, wird für einen Moment die so genannte „Witch Time“ aktiviert, eine Zeitlupenfunktion, die alles um die Spielfigur herum verlangsamt, so dass es möglich ist, in dieser Zeit besonders ausgefeilte Combos auszuführen.
Bayonetta selber verfügt über drei unterschiedliche Angriffe, die sich beliebig kombinieren lassen. Standardmäßig hat sie an Händen und Füßen Pistolen (mit unendlichem Munitionsvorrat – Realismusfanatiker haben in diesem Spiel wirklich gar nichts verloren), im Laufe des Spiel sammelt der Spieler jedoch eine ganzes Arsenal an alternativen Waffen ein, die sich zu je zwei Sets zusammenstellen lassen, zwischen denen man mit einem einfachen Knopfdruck hin und her schalten kann.
Im Zusammenspiel dieser diversen Möglichkeiten muss jeder Spieler für sich herausfinden, welche Waffensets dem persönlichen Spielstil am meisten liegen. Die Wahl der Waffen hat natürlich auch eine gewisse taktische Komponente.
Dazu kommen noch diverse Sahnhäubchen. Die „Wicked Weave“ Angriffe, bei denen sich aus Bayonettas Haaren gewaltige Fäuste und Pfennigabsatzbewehrte Füße bilden, welche dann die Gegner durchs Bild fegen. Die „Torture Attacks“, Quicktime Events die sich gezielt auslösen lassen, um einzelnen Gegnern gewaltige Mengen an Schaden reinzuwürgen. Dazu beschwört Bayonetta alle möglichen absurden Folterinstrumente auf oder in die der arme Gegner dann gespannt wird, und je nach Ausführung in verschiedenen Stadien von blutigen Klümpchen wieder herauskommt.
Die Gegner erfordern eine Menge Anpassungsfähigkeit, und vor allem eine hohe Aufmerksamkeit. Aber das Spiel ist stets fair, jeder gegnerische Angriff wird von audiovisuellen Hinweisen begleitet, so dass es theoretisch immer möglich ist, perfekt auszuweichen.
Generell ist der Schwierigkeitsgrad fordernd, aber nie wirklich unfair. Wer das Spiel länger spielt, wird selber besser, wächst mit den Herausforderungen, und irgendwann finden die Finger die richtigen Knöpfe ganz von alleine.
Neben der visuellen Präsentation sind auch Sound und Musik ob ihrer Exzellenz erwähnenswert.
Die Hauptthemen sind ein poppiger Remix des Sinatra Klassikers „Fly me to the Moon“ und ein ähnlich fröhlich dudelnd-rhytmisches Stück, die etwa 80% aller Kämpfe untermalen. Als Gegenstück zum fröhlichen Lounge-Pop wartet der Soundtrack aber auch mit choralem Georgel epischster Ausmaße auf, wenn es an die häuserblockgroßen, hochhauswerfenden Endbosse geht. Das englische Voiceover ist für ein ursprünglich japanisches Spiel, das dazu noch extrem selbstironisch ist, ausgesprochen gut besetzt und perfekt ausgeführt.
In den manchmal etwas zu langen aber immer überspringbaren, technisch perfekt inszenierten Zwischensequenzen wird die Geschichte der letzten Umbrahexe Bayonetta erzählt, die sich daran macht, gegen die Mächte des Lichts und des Himmels zu ziehen, um ihre Erinnerung wieder zu erlangen. Dabei steht ihr der Glatzköpfige Halbdämon Rodin zur Seite, in dessen Bar „The Gates of Hell“ zwischen dem Engelverkloppen frische Energie getankt wird. Außerdem hat Bayonetta eine jungen, knackigen Stalker namens Luka der ihr die Schuld am Tod seines Vaters gibt und eine große, enthüllende Reportage über die Untaten der Hexen in den modernen Zeiten schreiben will.
Die Charaktere sind Liebenswert, die Dialoge schrullig bis bescheuert und die eigentliche Story ganz bewusst eine Ausrede dafür, möglichst viele Dinge möglichst groß explodieren und durch die Luft fliegen zu lassen.
Aber ein Spiel dieser Art spielt man auch nicht wegen seiner ausgefeilten, vielschichtigen Story.
Davon abgesehen strotzt Bayonetta nur so vor Selbstironie, so dass es wirklich schwer fällt, der Geschichte irgend etwas ernstlich übel zu nehmen.
Außerdem ist Bayonetta natürlich interessant, weil die Titelheldin eben eine Titelheldin ist. Eine starke Frau, die ständig ihren Stalker / Verehrer vor dem sicheren Tod retten muss, die völlig selbstbewusst mit Sexappeal um sich schmeißt, und weder ein Mann mit Brüsten noch ein reines Sexobjekt bleibt, völlig unmögliche Proportionen hin oder her.

The Good
- Perfekte Inszenierung, umwerfende Grafikpracht, fantastisches Artdesign. Bayonetta ist einfach schön anzusehen.
- Klingt gut. Der Mix aus fröhlich dudelndem Pop und überepischer Orchestermusik gefällt, und verleiht dem Spiel eine einzigartige schräge Note.
- Gameplayperfektion. Bayonetta ist eine Wonne zu spielen, voller extrem guter großer und kleiner Ideen.
- Tounge in Cheek. Das Spiel ist ausgesprochen selbstironisch und spielt mit jeder Menge Anspielungen auf andere Games und Filme, und nimmt sich selbst und seine völlig überzogene Geschichte keine Sekunde lang ernst.

The Bad
- Einige Quicktime Events während längerer Zwischensequenzen können sehr frustrierend sein für Spieler die versuchen möglichst „sauber“ zu spielen.

The Ugly
- Die PS3 Version ist deutlich schlechter dran als die für die Xbox. Und die Grafikpracht bringt letztere in einigen Szenen spürbar in die Knie.

Fazit:
Bayonetta ist das Videospiel alle Videospiele zu beenden. Außerdem lässt es Hoffnung fassen, dass es im Land der Aufgehenden Sonne eben doch noch Designer gibt, die moderne, innovative und auch technisch brillante Spiele entwickeln können.
Es ist nicht gänzlich fehlerfrei, aber die schiere Perfektion mit der dieses Spiel auf so vielen Ebenen aufwarten kann lässt die kleinen Fehltritte mehr als verzeihen.
Bayonetta macht Spaß, Bayonetta fordert, aber Bayonetta ist auch immer fair. Wenn ein Spieler irgendwo nicht weiter kommt, liegt es nicht am Spiel, sondern einzig an der Form des Spielers. Aber anders als zb. Das relativ kürzlich erschienene Demon's Souls ist Bayonetta nicht unnötig schwer. Rücksetzpunkte sind sehr großzügig verteilt, wenn man nur durch das Spiel kommen will kann man das ohne größere Probleme. Aber das wäre nur der halbe Spaß. Denn Bayonetta ist dann am besten, wenn der Spieler selber nach einer gewissen Perfektion strebt, und eben darum bemüht ist, das Spiel nicht nur durch sondern auch schön zu spielen.
Letztlich gilt für Bayonetta dasselbe was auch für die Grand Theft Auto Reihe gilt – Wer dieses Videospiel nicht mag, der sollte keine Videospiele spielen. Sind diese Spiele doch nah dran so etwas wie die Essenz dessen darzustellen, was das moderne Videospiel an sich ausmacht.Den Artikel im Blog lesen
 
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