[19.o5.2008] In Nomine Vocum - auf zum Prinz

Kalliope

Kainit
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Eine lange Nacht voller ärgerlichem Immobilien-Tant ging zu Ende. Doch noch hatte sich die silberne Scheibe am Himmelszelt, und sei sie auch zuweilen von düsteren Schwaden verborgen, nicht zur Ruhe gebettet. Es galt noch etwas ungleich Bedeutsameres zu klären als die schnöde Frage nach dauerhaftem Verbleib.
Lenore lenkte den Van Richtung Akademie während Ligeia nachdenklich auf dem Beifahrersitz verharrte, die in schwarze Overknee-Stiefel gehüllten Beine überkreuzt, den Blick, leer und alle visuellen Impulse übersehend, nach draußen gerichtet.
Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Psychiaterin in diesem Moment zwar körperlich, in keinem Falle jedoch geistig als anwesend zu bezeichnen war.

Mental ließ sie noch einmal jenes eine, höchst bedeutsame Gespräch Revue geschehen. Inhalte wurden ein letztes Mal erwogen und eingeordnet, Anliegen priorisiert, Worte auf die Goldwaage gelegt, Optionen selektiert. Man hatte sich soweit entschieden und war einig. Vorerst waren die getroffenen Beschlüsse bindend und mussten bloß noch überbracht werden. Dazu war sie nun hier.

Aas also. Nun, kein Novum für einen Raben. Nichtsdestotrotz existierten doch auch Formen fleischlichen Verfalls, welche selbst den Corvus Corax anzuwidern taugten. Nicht dass sie eine Wahl gehabt hätte. Allein stand es in ihrer Macht einen bescheidenen Vorschlag zu unterbreiten und in seinem treuen, aber ganz und gar possierlichen, erheiternden Wesen war selbiger vorläufig angenommen worden.

War sie für diese Sache die rechte Wahl? Mitnichten! Niemals! Nimmermehr! Ein Factum von keinerlei Relevanz. Selbiges dürfte bloß niemandem sonst gewahr werden. Dazu jenes zu gewährleisten wiederum war die Doktorin geradezu prädestiniert. Darüber hinaus konnten dergleichen Dinge durchaus zur Unterhaltung taugen. Doch hatte die Mondtochter nicht bedeutsameres, gravierenderes, ungleich gewichtigeres zu verrichten als dem eigenen Amüsement zu frönen?
Vehementes Negieren. Sie hatte einen Auftrag zu erfüllen. Nicht umsonst hatte Selene die nicht-Tote in ihren Schein getaucht, durch den heiligen Ägidius taufen lassen, sie vom Lager des Pluto hinfort gerissen, dem Anubis gehöhnt und die Nephtys beschworen. Alle Dinge gingen den ihnen vorbestimmten Gang.
Natürlich taten sie dies. So keimte auch kein Zweifeln oder Zaudern in der Brünetten. Dennoch entsprach es ihrem Charakter zu hinterfragen.
Die Anliegen wurden erörtert. Erhebendste Gnade der Einsicht! Dafür ganz ohne Aussichten.
Doch thronte dort, auf dem verborgenen, tiefen Hügel nicht jene Schlange am Quell? Geflügelt der lange, obszöne Leib des Lindwurms, bereit jene wie diese Seite zu ereilen?

"In the sea without lees
Standeth the bird of Hermes
Eating his wings variable
And maketh himself yet full stable…
The bird of Hermes is my name, eating my wings to make me tame."

Schärfe trat erneut in die verklärten Smaragde des ausdruckslosen Alabastergesichts. Allmählich hob Ligeia ihr Haupt und die sinnenden, beinahe bald prophetisch anmutenden, gehauchten Worte verstummten. Contenance. Die Zeit der Besinnung war vorbei.
Der Wagen war zum Stillstand gekommen, der Motor verstummt. Vor ihr erhob sich die majestätische Kulisse jener Kunstakademie zu Finstertal.

"Warte hier auf mich, Lenore. Ich schätze es wird nicht all zu lange dauern."

Mehr sprach die Malkavianerin nicht zu ihrer Ghulin ehe sie nach ihrer Tasche griff, die Tür öffnete und in fließender Bewegung aus der Fahrerkabine entfleuchte. Beiläufig, wie sie die Beifahrertür wieder schloss, blieb ein lauter Knall aus.
Stand das Portal offen oder nicht, tat es diese Nacht doch nichts zur Sache. Raven betrat das Toreador-Refugium mit aller ihrem Sinnen angemessenen respektvoller Würde, adrett gekleidet in eine schwarze, durchaus weiblich-elegante Kombination aus Bleistiftrock und Blazer. Der glänzende Seidenstoff kontrastierte deutlich mit der schneeweißen Haut der Untoten, welche jeden noch so kleinen Strahl des Mondlichts förmlich zu reflektieren schien.
Den Weg zum Büro des Prinzen -oder eher: dem entsprechenden Vorzimmer- hatte sie sich eine Nacht zuvor eingeprägt und fand ihn entsprechend auch ohne größere Anstrengung.

So kam sie dort schließlich an, vor der großen, ehrwürdigen Tür zum Herzen der kainitschen Bürokratie innerhalb der Stadt der Düsternis. Nicht allein. Ein Funke ward entfacht.

Einmalig, entschlossen, jedoch nicht brachial betätigte Ligeia den beeindruckenden, kunstvoll gearbeiteten Türklopfer und wartete folgend, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, ob man sie zu solch fortgeschrittener Morgenstunde wohl noch hereinbitten würde.
 
Ein einmaliges Klopfen genügte, die Tür öffnete sich einen Spalt und gewährte Einlass. Kein dreimaliges Schlagen der rot beschuhten Hacken, keine arabischen Zauberformeln, kein helles Rufen. Ein einziges Pochen, Gußeisen auf Gußeisen, genügte den Zugang ins Heiligtum der Stadt Finstertal zu öffnen.

Raven konnte den kleinen Vorraum problemlos durchschreiten und befand sich nur wenige Schritte und eine belanglose Tür später, im Vorraum des Prinzenbüros. Wie schon in der Nacht zuvor, saß hier die Prinz höchstselbst und erledigte gewissenhaft die Dinge für die eigentlich ein schnöder Sekretär berufen war. Anscheinend hatte sich bisher niemand brauchbares finden können...

Lena blickte ihren Gast mit dem für sie typischen Willkommenslächeln an. Eine Mischung aus Gruß und freundlicher Aufforderung. Die Schauspielerin konnte mit den Muskeln ihres Gesichts mehr ausdrücken, als andere mit hundert Worten.

Man war also willkommen!
 
Das Portal öffnete sich und gab ein weiteres Mal den Blick auf eine rassige, rotblonde Schönheit frei, welche trotz aller amtlicher Würden noch immer den Platz eines schnöden Bediensteten besetzte.
Keine Verwunderung. Nicht mehr. Nicht in dieser Stadt. Nicht betreffs solcher Dinge.

Die adrette Malkavianerin trat bis zu den offenkundig kostbaren, mit Polster bezogenen Stühlen vor und knickste in selber, galanter Manier, wie bereits eine Nacht zuvor, verharrte letztlich in graziler Neigung mit gesenktem Haupt während sie sprach:

"Guten Morgen, mein Prinz."

War Lena bei ihrem letzten Zusammentreffen die Veränderung in der Stimme Ravens aufgefallen, so würde sie nun fraglos bemerken, dass der Klang dieses Mal derselbe wie gegen Ende des gestrigen Dialoges war.
Haltung und Gestik der Britin schienen zwar höfisch, jedoch nichts desto trotz ein wenig archaisch, entbehrten sie doch bei aller Galanz nicht der gewissen, geradezu klischeehaften Steifheit, wie man sie dem englischen Adel im Allgemeinen nachsagte.
Blauen Blutes war die Brünette nun bei Weitem nicht. Allerdings war es das noble Privileg des viktorianischen Bürgertums gewesen sich den Umgangsformen royaler Kreise anzunähern, sie zu adaptieren und schließlich gar zu perfektionieren.

"Vergebt mir, dass ich euch zu solch fortgeschrittener Stunde noch ersuche. Seid vielmals bedankt dafür mich um diese Zeit noch zu empfangen."
Ligeia sprach ruhig, wohl bedacht und mit angemessen dosierter Erfurcht. Die Lider waren niedergeschlagen, die roten Lippen von keinem Zug umgeben und in ihrem Kopf war Fokus die vorherrschende Permisse. Freilich gab es keine Stille, sehr wohl jedoch ein Ausbleiben beeinträchtigender, kurioser Absonderlichkeiten und Sensationen. Diese Angelegenheit betreffend war längst alles von Belang ausgetauscht worden.

Es begann das gleiche Spiel wie bereits zuvor. Solange ihr nichts anderes geboten wurde verharrte die Psychiaterin in gebeugter Haltung mit dennoch kerzengeradem Rückgrad. Ihre Tasche mit dem auffallend filigranen, silbernen Ankh-Anhänger hatte sie noch als sie sich in diese Position der Demut begeben hatte in fließender, routinierter Bewegung vor sich auf dem Boden abgestellt.

Ende des Prologs.
Die Maskerade saß ohne jeden Makel. Erneut hob sich der Vorhang, die Ouvertüre erklang. Reprise.
Akt I.
 
"Solange uns die Sonne nicht in unsere Gräber zwinkt, stehe ich der Stadt mit Freuden zur Verfügung!"

Ein Lächeln folgte, um den Satz so freundlich wie möglich zu gestalten. Im Inneren fühlte sich die Toreador jedoch etwas unwohl. Sie fühlte sich in der Nähe eines Malkavianers stets etwas unwohl. Die Mondkinder waren unberechenbar und sprunghaft. Auch die ihr gegenübersitzende Frau. Stimmlage und Mimik hatten sich leicht geändert, einer perfekt ausgebildeten Schauspielerin wie Lena fielen solche Nebensächlichkeiten sofort auf. Auch wenn sie nicht sagen konnte, was genau das zu bedeuten hatte?

"Womit kann ich Ihnen denn behilflich sein? Wenn Sie mich zu dieser frühen Stunden aufsuchen, muss es sich um etwas dringliches handeln!?"
 
Das aufgrund ihrer Nähe empfundene Unwohlsein eines Gegenübers war etwas, an dem sich Ligeia zutiefst zu laben vermochte. Sie genoss es, wenn ihre schiere Präsenz bereits Irritation, ja, gar Furcht auslöste und besonders süß schmeckte dieser Nektar, wenn ihre Ausstrahlung einen eigentlich ranghöheren Kainiten dazu veranlasste mehr Respekt vor ihr zu haben, als es die fiktiven, vollkommen willkürlich konstruierten Stati eigentlich forderten.

Doch war der Rabe nicht in das Nest des Abgrunds eingekehrt um in solcherlei Gedärm zu wühlen, seinen Schnabel in alte Wunden zu schlagen und das frische, zarte, rosige Fleisch aus den noch warmen, weichen Gliedern zu reiße. Den lieblichsten aller Weine in jenen ehrwürdigen Ophelia-Hallen vergießen.

Nein, nicht heute Nacht. Keine Egoismen befriedigen, keine schnöden Eitelkeiten. Allein die klaren, unbestreitlichen, offenbaren Fakten.
Heute war sie nicht als sie selbst zu der Prinz des düstern Tales gekommen.
Diesmal war sie der Prophet. Inkarnation. Zunge der Stimmen.
Doch sie würde nicht in den Versen ihres Geistes sprechen. Es bedürfte feinfühligerer, taktvollerer, schlicht vereinfacht zugänglicher Gebaren um Funken zu sähen wo heilige Flammen entfacht werden sollen.

"Nun, in der Tat ist es eine Angelegenheit des Herzens wie auch des Geistes welche vorzubringen ich zu euch gekommen bin."
Weiterhin hielt die Malkavianerin ihr Haupt bewusst gesenkt. Auf diese Weise mied sie es Lena mit den stechend grünen Samaragdaugen zu sezieren und vielleicht doch noch wider besseren Wissens in ihre alte, stets geliebte Rolle zurückzufallen.
Gleichzeitig blieb die bewusst zur Schau getragene Demutsbekundung gegenüber des namentlichen Herren der Domäne bestehen.


"Nach clansinterner Sondierung sind wir -im Speziellen Herr von Stein und meine Wenigkeit- überein gekommen, dass wir gewillt und von der Notwendigkeit der Sache wohl gleicher Maßen dazu berufen sind unseres Clanes Primogen zu Finstertal wieder zu besetzen. Es bedarf vieler Hände, ja, gar jedes verfügbaren Armes, aller Facon um aufzubauen was als Wüstung hinterlassen. Auch wir möchten unseren Teil hierzu beitragen und eine Stütze der Camarilla innerhalb dieser Stadt sein, ganz so, wie es auch andern Orts seit jeher Brauch und Tradition ist.
Wir verblieben dabei, dass vorerst ich es sein werde, die Angesicht und Stimme unseres Geblütes nach außen tragen wird."

Für einen Augenblick hielt die Malkavianerin inne. Sie wollte Lena ausreichend Zeit lassen um das bisher gesagte zu verarbeiten. Ob sie wohl derlei Schonung bedürfte?
Schließlich jedoch fuhr die Britin fort, ruhig, nüchtern und angemessen ehrerbietig wie zuvor, obgleich sie den Kopf nun doch um den respektvoll bittenden Charakter ihres Ansinnens zu betonen, noch ein kleines Stückchen weiter nach vorne neigte.

"Im Namen des Clans des Mondes bitte ich folglich um eure Bestätigung, mein Prinz, und um offizielle Aufnahme meines Namens in die Reihe der Erstgeborenen zu Finstertal."

Ob die junge Prinz innerhalb ihrer wenigen Stunden auf dem Thron wohl schon einmal derart traditionell höfisch auf eigentlich vor allem clansinterne, politische Entscheidungen aufmerksam gemacht worden war?
Ligeia wusste es nicht. Sehr wohl wusste sie jedoch, dass an dieser Stelle aus einer fälschlich vermuteten Brüskierung ein tatsächlicher Affront heranwachsen mochte.
Wie also würde Prinz Cruiz hierauf reagieren?

Letzten Endes war die Absprache eindeutig getroffen. Würde es jemand bezeugen können? Selbst wenn, so blieb fraglich ob sein Verstand dazu taugte die Worte der geliebten Fürstenkinder zu ergründen.
Die Ahnen waren in sich geeint. Der Sachverhalt damit denkbar schlicht.

Peripetie.

Das Publikum applaudierte voll tiefst empfundenem, in Begeisterungsstürme gipfelndem Enthusiasmus. Oder bloß höchst erheitertes Gekröle?
Einerlei. Wie würde das Urteil der Ehrenloge ausfallen?
 
Na das war ja was...

Mit unbewegter Mine, unergründlich wie eh und je, lehnte sich die Toreador in ihrem Lehnsessel zurück. Einige Sekunden lang sprach sie kein Wort, verschränkte stattdessen die Hände auf ihrem Schoß und blickte ihre Gesprächspartnerin an.

Wenn man es genau nahm, hätte Lena mit einer derartigen Reaktion rechnen müssen, hatte aber gehofft das es ihr erspart bleiben würde. Ihr selbst gefiel der Umstand, einen führungslosen Clan der Malkavianer in der Stadt zu wissen, sehr gut. Seit dem Tode Ignatius Chemois waren ihr die Mondkinder von Nacht zu Nacht unheimlicher geworden. Das lag sicherlich daran, dass sie erst vor wenigen Nächten besessen gewesen war und noch immer den Nachhall dieser seelischen Vergewaltigung in ihrem Innersten spürte. Reste der portugiesischen Lasmobra waren noch immer ein Teil von ihr, kein bestimmender aber doch vorhanden. Vielleicht fürchtete Lena, dass es der Wahnsinn eines Malkavianers sein könnte, der diesen verstummten Teil in ihr zu neuem Leben erwecken könnte.

Möglicherweise erinnerten sie Wesen wie Raven auch einfach daran, dass sie, Magdalena Cruiz seit dieser Zeit ein klein wenig Wahnsinn mit sich herumtrug.

Endlich ergriff Lena das Wort.

"Es steht mir nicht zu Ihnen diese Bitte zu verwehren. Ich erhebe Sie also hiermit in den Status eines Ahn und erlaube Ihnen fortan mit der Stimme ihres Clans zu sprechen. Fortan werden Sie für alle Taten und Sünden Ihrer Blutsverwandten verantwortlich sein und sich mir, allerdings auch nur noch mir, für ihr Handeln rechtfertigen müssen. Morgen Nacht wird ein Treffen der Primogene stattfinden. Ich werde Ihnen umgehend eine entsprechende Einladung zusenden, in der die Tagesordnung, Örtlichkeit und der Zeitpunkt des Beginns genannt werden. Ein wichtiger Teil der Zusammenkunft wird die Besetzung der verschiedenen Ämter sein. Ich bitte Sie, sich bereits im Vorfeld Gedanken zu dieser bedetuenden Frage zu machen."

Langsam erhob sich die Prinz und streckte ihre Hand aus.

"Lassen Sie mich die erste sein, die Ihnen gratuliert. Auf eine gute Zusammenarbeit und eine hoffentlich bessere Zukunft!"
 
Es war Applaus zu hören. Hände, die vor Freude den Klang von Zustimmung in den Äther störmen ließen, klatschend.

Wer vernahm dies? Und wer vernahm die Worte des Glückwunsches?

Der Rabe tat es, …. mindestens.

„Gut, Kind, gut!“

Waren da auch Hände, die auf ihre Schulter berührend einen Abdruck hinterließen, die sie drückten um ihr die Geschlossenheit anzumahnen? War es nur Einbildung?

Wer blickte ihr in diesem Augenblick über den Kopf? In den Kopf!

Es war leise, fast schon nicht zu hören einen Melodie. Eine Melodie mit der Stimme eines kleinen Mädchens.

Es fliegen im Abend tief über die Ähren
Die Scharen von mächtigen Raben,
Wie Geheimnisse lautlos, die sich begraben,
Wie Gedanken, die sich im Zwielicht mehren.

Und es hängen die Ähren zum Straßengraben,
Als ob sie Sehnsucht nach Menschenblut haben.
Es steht noch eine Mäher im Klee, im dunkeln;
Du hörst nicht die Sense, du siehst nur ein Funkeln.

Es huscht noch ein Vogel schnell in die Hecke,
Die Feldwege schlängeln sich hinter Verstecke,
Die Raben kreisen und machen Runden,
Tauchen unter und sind in der Erde verschwunden.
 
Die Prinz verharrte und schwieg. Und sinnierte. Und haderte auch noch.
Ligeia empfand es als ein wenig unangemessen sie, die sie doch so formvollendet takt- und respektvoll ihr Anliegen vorgetragen hatte, einfach warten zu lassen. Nicht dass es sie verwunderte. Sie wäre in solchen Momenten allein dadurch positiv zu überraschen gewesen, wenn Lena es gewagt hätte das, was ihr durch den Kopf ging, auch komprimiert zu artikulieren. Warum fiel es den Damen und Herren der hohen Clans bloß stets so außerordentlich schwer zu gestehen was derlei Worte, derlei Taten, schlicht derlei Präsenz in ihnen auslöste? Schämten sie sich ihres Unbehagens? Wollten sie sich nicht die Blöße geben zu gestehen, dass es sie beunruhigte, wenigstens ihnen missfiel, im schlimmsten Falle gar sie in eine panische Angst versetzte, wenn die Mondkinder den ihnen zustehenden Anspruch geltend machten, den längst gezahlten Zehnt vortrugen?
Wozu all die Contenance, wenn Schweigen und Starren und Verharren bereits alle noch so kunstvolle Maskerade ihrer Wirkung beraubten und Blick auf das Tatsächliche dahinter gewährten?

Vanitas!
Lena Cruiz Gedanken bezeugten derweil, dass Raven dem Spiegel im Wappen ihres Clans mehr als würdig war. Ob der Toreador das Zusammenspiel von Mond und Reflektion wohl bewusst war? Und spürte sie vielleicht instinktiv, dass es nicht unmöglich war das heilende Fieber von 1997 auch aus dem Blut heraus in die Welt zu tragen? Zu verbreiten? Der Funke...

Immerhin Alice war dereinst hinter die Spiegel getreten...
Doch vielleicht ahnte die schwarze Dame, dass es letztlich allein Odin vergönnt sein mochte zu ersehen was Hugins und Munins Spross aufzeigte. Bedauerlicher Makel der Nyx. Doch wer mochte es ihr verübeln Selenes Erwählten mit Zauder gegenüber zu treten?

Nach einer bedeutungslos kurzen Ewigkeit erhob die Prinz von Finstertal die Stimme. Noch immer verharrte die Psychiaterin wie zuvor. IhrKopf war gesenkt.
Die Worte der schönen Schauspielerin fielen letztlich genau so aus, wie die Malkavianerin es erwartet hatte. Leicht zuckten die Mundwinkel nach oben, verzogen die vollen, roten Lippen zu einem zwar schmalen, jedoch zufriedenen, bei zweimaligem, näheren Hinsehen vielleicht gar etwas perfiden Schmunzeln.
Eine offizielle Erhebung in den Status eines Ahnen. Und das bloß zur Rechtfertigung des Primogens! Welch widersinnige Willkür. Ob Lena sich darüber im Klaren war, damit gegenwärtig einen Clan des Mondes in ihrer Domäne zu beherbergen, der sich allein aus Ahnen zusammen setzte? Und seien es auch bloß derer zwei.
Possierlich! Ein köstlicher Scherz! Ganz famos!
So hatte Ligeia eben erfolgreich errungen, was sie ihrem Clansbruder vorgeschlagen hatte. Für jeden, der ihr Blut nicht teilte, war sie von nun an Ahn. Nichts worauf sie sich vor ihres Gleichen berufen würde. Was galt es auch? Man war eins und einzig einig.

Für die Taten und Sünden des Clans einstehen? Welches Mondkind tat dies nicht?
Die für den nächsten Abend angesetzte Sitzung der Ältesten war jedoch von höchstem Interesse. Zweifellos hatte sie den best möglichen Zeitpunkt gewählt um den Anspruch ihres Geblüts geltend zu machen. Mit Sicherheit würde ein so kurzfristig und plötzlich berufener Malkavianer-Primogen den ein oder anderen der so mühsam taktierenden Ahnen ein wenig um sein bisher geführtes Regiment bangen lassen.
Sie würde Spaß haben.

Ligeia tat es der Prinz nun gleich und erhob sich als diese es tat. Zugleich wandte sie ihr noch immer gesenktes Haupt endlich wieder ihrem Gegenüber zu. Stechend grüne Smaragdaugen trafen Lenas Blick. Natürlich stand es ihr gar nicht Clansinterna in Frage zu stellen. Dennoch tat es nach Ansicht der Malkavianerin Not Etikette und Tradition Rechnung zu tragen. Ganz besonders an einem solchen Ort.

"Ich danke euch vielmals, mein Prinz. Auf eine gute Zusammenarbeit."
Raven nahm die zur Gratulation dargebotene Hand Lenas mit einem ein klein wenig künstlich, trotz aller Wärme doch irgendwie gestellt wirkendem Lächeln entgegen.
"Ich werde mich fraglos angemessen mit den für morgen von euch auserkorenen Programmpunkten befassen."
Was auch immer angemessen sein mochte in einer Domäne, die einem noch immer weitestgehend unbekannt war.
Das klang nach nochmal so viel Amüsement wie zuvor bereits erwartet!

"Wobei mir einfällt… es gäbe da noch ein weiteres, gegenwärtig allerdings vielleicht noch eher unbedeutendes Anliegen, welches ich euch unterbreiten möchte. Aber urteilt am besten selbst über die Bewandtnis meiner Worte.
Ich frage mich -denn ich hörte, dass die Ressourcen in diesen Dingen gegenwärtig argen Strapazen unterliegen- wie es um die psychologische Versorgung der Bürger Finstertals bestellt ist. Die alte Anstalt fiel bekannter Maßen den Flammen anheim. Doch wurde entsprechender Ersatz geschaffen? Seht, mein Prinz, worum es mir geht ist schlicht, dass ich aus eigener Erfahrung weiß, welchen außerordentlichen Nutzen eine ordentlich geführte psychiatrische Anstalt zur Wahrung der Maskerade beizutragen im Stande ist. Ich habe auf diesem Gebiet umfassende Erfahrung vorzuweisen und möchte darum fragen, ob Notwendigkeit für oder zumindest Interesse an einer solchen Institution bestünde."

Hatte Lena zuvor nicht bereits Chezmois Namen im Sinn getragen? Welch ein Zufall!

"Natürlich muss über diesen Schritt nicht unbedingt noch heute Nacht entschieden werden", fügte Ligeia nach wie vor lächelnd mit einem leichten, Dienstbarkeit andeutenden Knicks hinzu während ihre Augen weiterhin in denen Lenas ruhten, so als wollten sie diese durchdringen, tief hinein, zu den verborgensten Abgründen des Abyss.

Eine Woge der Genugtuung ging durch Raven. Ihre Geist war erfüllt von Euphorie, Heiterkeit und gehässigem Stolz. Applaus. Und Hände.
Es war warm, schiere Wonne der Seele, die letzte Barriere rückwirkend überwindend, das tote, kalte Fleisch gleichfalls mit gütigem, lobendem Einverständnis wärmend.

Er war hier. Er war bei ihr. Wie alle anderen. Bloß mehr als alle. Noch. Bedauernswerte Lena. Der gesamte Clan des Mondes manifestierte sich just vor ihr in einer einzigen Hülle sterblich toten Fleisches und alles was sie davon wahrnehmen mochte, war die unergründliche Tiefe großer, grüner, stechend strahlender Smaragde.
All diese lieblich nahe Erfüllung! Der Gesang, der Jubel und auch der Hohn - nicht auf das eigene Blut!


//Auf dass der Mond auf Fürsten Gnade hin erstrahle.//
 
Wieder deutete die Prinz auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.
Höflich wartete sie bis Ligeia sich gesetzt hatte. Erst dann ließ sie sich ebenfalls nieder.

Schweigend hörte sie die Ausführungen der Malkavianerin. Sie kamen nicht unerwartet. Wenn ein Prinz schon mal in Geberlaune war, musste man das so gut nutzen wie es möglich war. Wer wusste schon, wie lange Großzügigkeit vorhielt? Schon Kinder wussten, dass gebefreudige Tanten nach Kräften auszunehmen waren. Konnte sie doch nur einen Tag später wieder dem Geiz anheim fallen. Eine vollkommen natürliche menschliche Reaktion und gerade deshalb nur um so berechenbarer. Wer sich mit einem Toreador an den Pokertisch setzte, sollte das Spiel besser beherrschen.

"Ich weiß worauf Sie hinaus wollen!", antwortete die Prinz. "Wie Sie bereist befürcheten gibt es seit dem Brand keine adäquate Hilfe mehr für Solche, deren Geist verletzt wurde. Nach allem was war, dürften psychologische Erkrankungen in Finstertal und Burgh wesentlich stärker vertreten sein als in jeder anderen Stadt Europas. In solchen Ausmaßen, dass eine einfach Anstalt dem niemals gerecht werden dürfte. Allein Zachariis Attacke dürfte hunderte Menschen zutiefst verwirrt haben. Aber jede Hilfe ist sicherlich so nötig wie willkommen!"

Und das war noch freundlich ausgesprochen.
Lena nickte zustimmend.

"Ich unterstütze die Errichtung einer entsprechenden Klinik ausdrücklich. Sofern die Traditionen gewahrt und die Maskerade nicht gefährdet wird. Unter den Caitiff befindet sich ein Arzt, Michael Köning. Ein Doktor der Allgemeinmedizin, wenn ich nicht irre? Vielleicht könnten Sie mit ihm zusammenarbeiten? Er scheint mir ebenfalls auf der Suche nach Beschäftigung."

Ok, das war geraten.
Aber da er gerade hergezogen war, dürften seine dienstlichen Verpflichungen eher rar ausfallen.

Zeit die Schlinge zuzuziehen...

"Frau Raven, nachdem diesbezüglich alles geklärt scheint hätte ich ebenfalls ein Anliegen. Finstertal... unsere Gemeinschaft, sucht eine neue Harpyie. Im Gegensatz zu anderen Städten ist diese Berufung bei uns ein fest etabliertes Amt. Generell durch ein Kind des Clans Toreador besetzt, aber nachdem ich nun die Freude Ihrer Bekanntschaft habe, erscheinen Sie mir nahezu perfekt geeignet. Sie sind Psychologin und verstehen sich auf gesellschaftliche Umgangsformen, Sitten, Regeln und Etikette."

Die Lippen der Monarchin hoben sich zu einem zauberhaften Lächeln
In diesem Augenblick war alles an der Toreador einfach nur bezaubernd und wunderschön.

"Sie wären allein gegenüber mir verpflichtet und könnten nach Belieben um die Stati bis zur Höhe eines Ancilla befinden. Auch müssten Sie keine Repressalien oder Anfeindungen fürchten. Sie geben bei Bedarf Ihre Entscheidungen an mich weiter und ich verkünde sie den Primogenen. Sozusagen als Entscheidung der Akademie...."

Quit pro Quo!
 
Der Weisung Lenas folgend nahm Dr. Raven Platz.
So lauschte sie den Erwiderungen der Prinz aufmerksam und wurde auch alles andere als enttäuscht. Erneut fielen Namen, die weiteres Gesprächsmaterial hergeben mochten und Tatsachen, die potentielle Alternativen ausschlossen. Für die Malkavianerin war all das hier gerade eine heitere Mischung aus lustigem Puzzlespiel und Verhandlung um die fällige Miete. Es wäre überaus taktlos in eine neue Domäne einzukehren ohne Kompetenzen aufzuzeigen, welche sich innerhalb der selbigen als nutzbringend erweisen mochten.
Dass es sich bei diesen Befähigungen zugleich um den liebsten Zeitvertreib der Untoten handelte tat dabei wohl wenig zur Sache, zumal es nuneinmal ganz offensichtlich galt ein altes Erbe anzutreten. Absehbar? Natürlich! Geheimniskrämerei sollte anderen überlassen bleiben. Lunas Tochter jedoch trug vor, was ersucht werden musste. Die Wahrheit? Die Wahrheit!

Dazu hatte man sie entsandt. Nicht wahr?
Sie war wegen der Anstalt nach Finstertal gekommen. Warum genau noch gleich? Bruder…
Stimmen. Stille. Kanon. Zwölf und einer. Feder…
Auftrag! Es gab immer einen Auftrag.
Aufsteigen alter Nebelschwaden. Ein Name den sie wohl kannte, vernommen vor endlich lang vergangen Monden. Gut.
Den Vorschlag Lenas sich mit Köning in Verbindung zu setzen quittierte die Brünette mit einem leichten Nicken.

Bevor sie allerdings überhaupt Zeit gehabt hätte auf diese Sache noch weiter einzugehen, hatte die Prinz bereits ein anderes Thema angeschlagen. Ein ganz und gar differentes Konstrukt.
Wieder und wieder und wieder und erneut hallten die Worte in Ravens Kopf - blieben dabei jedoch allzeit gleich. Konnte dies tatsächlich der Wille der Monarchin sein?
Das war abstrus!
Das war absurd!
Skandalös.
Das war… schlicht und ergreifend eben jenes Detail, das dem Gemälde zur Vollendung gefehlt hatte. Der letzte Strich des D'Angelo.
Perfektion vielleicht?
Abbild des Wahnwitz.
Fantastisch!
Einen Galgen errichten! Scheiterhaufen hatten längst gebrannt, in Holz und Funke niedergegangen. Alles verzehrende, nagende Glut.
Waren Harpyen Aasfresser?

"Euer Vertrauen ehrt mich in höchstem Maße, zumal der Hinweis darauf, dass dergleichen Position gewöhnlich exklusiv eurem eigenen, hohen Geblüt gebührt mir zusätzlich vor Augen führen muss, dass jene Honoration kaum erörterbar scheinen mag", erwiderte Raven schließlich indem sie sitzend eine leichte Verbeugung andeutete.
"Wie sollte Apollons Bote auch dem Ruf der Celaeno widerstehen?"

Die Art und Weise, wie sie das Lächeln Lenas nun erwiderte, mochte einem verzerrten Ebenbild gleichen. Dass die bleiche Brünette ein hübsches Gesicht ihr eigen nannte würde wohl kaum jemand leugnen. Dieses einstudierte, nicht gänzlich abstoßende, für eine geübte Schauspielerin wie Lena jedoch gewiss als deutlich bemüht wahrzunehmende Verziehen der roten Lippen hatte allerdings etwas geradezu Surreales an sich. Entrückt.
Es wirkte wie die Geste eines Wesens, das sich nach langer Studienzeit in die Gesellschaft der Humanoiden eingefügt hatte, wusste, wie sie sich verbal wie mimisch artikulierten und die Imitation dieser Züge nahezu perfektioniert hatte. Allerdings eben auch bloß nahezu. Allein unter Aufbieten willentlichen Masochismus.
Es waren die Augen, die grünen, bohrenden Augen, der Spiegel der Seele, die im Zusammenspiel mit den erprobten Zügen des Angesichts letztlich Gewissheit darüber bringen mochten, dass es nicht der Unmenschlichkeit bedürfte um eine Kluft zwischen Selbst-Sein und Menschsein zu schaffen.
Nicht das Tier blitzte hier und dort hinter Smaragdgläsern hervor. Doch wer tat dies an seiner Statt?

"Allerdings möchte ich -denn ich halte es im Sinne der Camarilla für meine Pflicht- doch darauf hinweisen, dass ich erst wenige Nächte in dieser ihrer Domäne verweile und bei Weitem noch nicht mit allen Bräuchen zu Finstertal vertraut bin. So ist es mir auch unbekannt gewesen, dass manchenorts die Position der Elektratöchter amtlich zu berufen ist. Eben darum bliebe mir -obgleich mir nichts ferner läge als euren Ansinnen zuwider zu handeln, mein Prinz- doch nichts, als um Erläuterung betreffs der organisatorischen sowie traditionellen Besonderheiten dieser ihrer Stadt zu ersuchen um eine solch große Aufgabe mit aller ihr gebührenden Nachdrücklichkeit und besten Gewissens auszuüben."

Eine ähnliche Frage -bloß weniger verworren in der Wahl der Worte- hatte sie diese Nacht bereits einmal gestellt. Was war des Pudelskern? Ein Enigma, welches nicht oft genug beleuchtet werden konnte.
"Sofern mir ein solch rückwirkender Exkurs gestattet sei, möchte ich an dieser Stelle euer Hochwohlgeboren untertänigst darum ersuchen, mir doch in aller Gnade gern umgehend Kontaktmöglichkeiten jenes Caitiff Köning auszuhändigen. Da offenkundig tatsächlicher Bedarf an geistiger Fürsorge besteht, möchte ich nach allen Kräften dafür einstehen diesen meinen bescheidenen Zoll zur Entlastung der gepeinigten Domäne beizutragen. Meine Profession und Prestige sollten in dieser Sache wohl nicht gänzlich schlecht angelegt sein. Wiederum muss ich euch allerdings auch um anderes ersuchen, nämlich ob nicht zu fürchten sei, dass Asklepios der Aello zum Verhängnis würde? Oder gar Umgekehrtes sich begibt? Mag sein dass Delphi beide eint… dennoch komme ich nicht umhin hierauf zu verweisen.
Selbstverständlich scheint es jedoch, dass ich eine solche Ehre bei aller Demut nicht abzulehnen bestimmt sein mag. Euer Wort soll innerhalb eurer Domäne stets Gesetz, euer Wunsch Befehl sein."

Vollkommen natürlich fiel Ligeia von zwar archaisch artikuliertem, jedoch wohl verständlichem Wortlaut in eine Sprache der Metaphern und wieder zurück auf Anfang.
Tatsächlich zügelte sie sich nach wie vor, allerdings nicht mehr in aller Konsequenz. Sie wollte gern wissen, was die junge Prinz dazu veranlassen mochte eine solch ungewöhnliche Personalauswahl zutreffen. Und ob sie sich überhaupt über die Tragweite einer solchen Entscheidung im Klaren war? Man berief nicht einfach einen Malkavianer in ein Amt und konnte weiterhin dem Glauben unterliegen, dass deren Zahl dem Betrag entsprechender Leiber gleich kam.

//One does not simply give a Malkavian a Toreador's job and expect…//

Aus Gekicher war schnaubendes Prusten geworden. Ganz nebenbei wäre 'Harpyie' sicherlich ein ausgezeichneter Name für einen Kanarienvogel.


Trotz allem blieb die Malkavianerin nach wie vor in Ton und sonstigem Gebaren ergebenst höflich devot.
Dass ihr Einfälle nicht blutsverwandter Kainskinder einfältig erschienen war nichts Ungewöhnliches. Sie war es jedoch gewohnt unter alten Monarchen zu existieren, im Leben wie im Tod. Luises Schwiegertochter war erst verschieden, da hatte der junge Rabe längst seinen letzten Atemzug getätigt. Die allzeit offene Gruft der Sachsen-Cooburg'schen Residenz nun beherbergte solcher Koryphäen Dutzende.
 
"Mir ist durchaus bewusst das Ihnen diese unerwartet frühe Berufung in ein Amt dieser Tragweite ein wenig Angst einjagt. Allerdings hielten Sie sich bei Ihrem Eintreffen für ausreichend kompetent, die Aufgaben einer Primogena zu übernehmen, was für mich widerum Anlass genug ist. Sein Sie gewiss, dass die Position des Oberhauptes mehr von Ihnen abverlangen wird, als das Amt der städtischen Harpyie. Gewöhnen Sie sich ein, lernen Sie die anderen Kainiten der Stadt kennen und wachsen Sie in aller Ruhe mit Ihren Aufgaben. Sie werden auch zukünftig nicht die einzige sein, die über die Stati der Gesellschaft entscheiden wird. Jedem Primogen steht dies zu, ebenso natürlich in letzter Instanz mir und meinem Vertreter. Ihnen obliegt es, sobald Sie sich eingearbeitet haben, für ein harmonisches Gleichgewicht zu sorgen. Natürlich ohne das Sie sich vor jemand anderem als mir rechtfertigen müssen. Sind Ihnen Entscheidungen unangenehm, sprechen Sie bei mir vor und sie wird im Namen der Akademie verkündet. Alles weitere gibt sich und kann mit der Zeit wachsen."

Versöhnlich blickte die Prinz ihrem Gast in die Augen.
Ein kleiner, nicht zu definierender Funke sprang für einen Moment durch den Blick, war dann aber sofort wieder verschwunden. Konnte man so etwas vorgaukeln? Hatte jemand seine Mimik soweit im Griff, dass er ein kurzes Funkeln durch seinen Augen springen lassen konnte? Absichtlich?

"Sicherlich frage Sie sich, warum ich jemanden, der erst so kurz in der Stadt verweilt mit einem derartigen Amt betraue? Lassen Sie mich ehrlich sein, die Bindung der Malkavianer an diese Stadt liegt absolut im Interesse der Akademie. Herr von Stein ist ein berufener Geisterjäger mit hervorragendem Leumund. Sie sind eine ausgebildete Psychologin mit deutlichen Ambitionen aber friedlichem Ansinnen. Sie an meine Heimat zu binden, durch eine bedeutende Aufgabe und das deutliche Zeichen dass ich Ihnen mein Vertrauen entegegenbringe, geschieht aus reinem Eigennutz. Nach allem was war, ist es wichtig sich jene zu bewahren, die bereits sind Finstertal in eine bessere Zukunft zu führen..."

Es gab noch andere Gründe, aber die zu verdeutlichen war für diesen Moment vielleicht nicht die beste Idee.
Lena schrieb die Kontaktdaten Michael Könings auf ein kostbares Stück Notizzettel.

"Sofern ich Ihrer Hilfe in anderen Dingen bedarf, werden ich mich umgehend bei Ihnen melden. Ich danke Ihnen für das Angebot!"
 
"So ersehe ich denn, wie euer Exzellenz das Harpyienamt zu reglementieren gedenkt. Ich danke für diese eure Elaboration und werde ihren Weisungen besten Wissens und Gewissens folge leisten."

Raven mochte Funken gut leiden. Eine winzige Regung, welche das Interesse der Untoten bloß noch weiter anfachte. Sie fokussierte sich vor allem auf das Zentrum der gegenüberliegenden Augen, die schwarzen, trostlosen Schlunde, Abgründe gebettet in schönstem Farbenspiel: Die Pupillen.
Hier verbarg sich in aller Öffentlichkeit das geheime Portal. Weit geöffnet waren beide Flügel.
Sie stand davor. Verharren.
Allein das Wissen die Schwelle zwischen hier und dort passieren zu können wann immer es ihr im Sinn stand, hielt sie zurück.
Nicht etwa, weil aus Macht zwingend Verantwortung folgerte. Welch pathetische Klausel!
Ligeia erinnerte sich an einen Kollegen, vor langer Zeit. Auch er hatte sie auf die Probe stellen wollen.
Wie war sein Name noch gleich gewesen?

Ein zustimmendes, bedächtiges Nicken war die stimmlose Antwort der Malkavianerin auf Lenas Erörterung ihrer Motive. Sie hatte mehr preisgegeben, als man es hätte erwarten müssen.
Gut.
Mag sein es wäre Insigne der Höflichkeit es ihr gleich zu tun.
Die Kontaktdaten Michaels nahm die frisch ernannte Primogena dankend entgegen, erhob allerdings erst die Stimme als die Prinz letztlich verstummte.

"Welchen Grund hätte ich auch mit anderem als Beistand im Sinn zu euch zu kommen? Letztlich ist es von unser aller Interesse, dass Finstertal möglichst große Distanz zwischen sich und seine traurige Berühmtheit bringt. Ihr mögt euch gar nicht ausmalen...nun, ich sollte besser formulieren: ihr möchtet euch gewiss nicht ausmalen, welch erschütterndes Bild ihrer Domäne außerhalb der Stadtgrenzen von fremden Zungen gezeichnet wird."

Leicht hoben sich die Brauen der Bleichhäutigen. Stiller Ausdruck des Mitgefühls?

"Leider befürchte ich, dass ihr euch dieser unschönen Tatsache gewisser sein müsst, als jeder andere. Ein wahrhaft schweres Vermächtnis ist euch auferlegt.
Aber es ist nicht die Zeit in Bedauern zu schwelgen, nicht wahr?
Ehe der Worte genug gewechselt seien würde ich euch -bloß um in allen Eventualitäten angemessen mit dem mir gegebenen Spielraum zu verfahren- gerne darum befragen, ob es gegenwärtig weitere Kainskinder von bemerkenswerter psychologischer Kenntnis oder zumindest mit Kontakten zu entsprechenden Institutionen vorliegen.
Möchte ich eine angemessene Klinik etablieren, wäre ein Monopol auf den Sektor psychiatrischer sowie psychotherapeutischer Fürsorge natürlich von Vorteil. Sollte ein solches jedoch weder de iure noch de facto zu schaffen sein, wäre es mir reichlich lieb andere Mitglieder der Domäne, die über entsprechendes Wissen verfügen, wenigstens über mein Vorgehen zu informieren, wenn nicht gar sie im Sinne effizienteren Vorgehens in dieses Projekt mit einzubeziehen.
Ich hoffe damit in eurem Interesse zu handeln?"

Einfacher wäre es wohl gewesen unumschwiffen zu erfragen, in wie weit Caitlyn McKinney wohl bereits Einfluss auf die städtischen Psychologen und Psychiater ausübte. Andererseits war es durchaus bedeutend zu wissen, wer sich vielleicht sonst noch mit diesen Angelegenheiten befasste.
Natürlich wäre der Psychiaterin ein Monopol -und sei seine Existenz auch bloß dem tatsächlichen Mangel an vampirischer Konkurrenz zu verdanken, damit schlicht ein de facto ohne gesetzliche Legitimation- letzten Endes am liebsten gewesen. Damit könnte sie ganz ohne Rücksicht auf Wünsche irgendwelcher weniger gesegneter, selbstberufener Möchtegernseelenklemptner ganz nach eigenem Gusto verfahren ohne überhaupt Gefahr zu laufen irgendjemanden zu diffamieren oder gar selbst von mangelnder Kompetenz enerviert zu drastischeren Schritten getrieben zu werden.
Entsprechend erwartete sie die Antwort des Prinzen mit ruhiger Spannung.
Hätte sie gänzlich freie Hand in dieser Sache und seitens der Domänenherrin eher Willen denn Widerwillen zu erwarten, sollte sich das Projekt -und mochte es auch reichlich ehrgeizig anmuten- durchaus bewerkstelligen lassen.

Mit Sicherheit würde Daniel nicht ablehnen, wenn ihm seine ehemalige Mentorin eine Stelle als Chefarzt in einer psychiatrischen Klinik anbot. Eleanore war für ein solches Unternehmen ebenfalls von unschätzbarem Wert in all ihren außerordentlichen Befähigungen. Was schließlich Köning anbelangte, so war sich Raven gewiss, dass er mitnichten der schlechteste Ansprechpartner für ein solches Projekt sein dürfte, zumal in Anbetracht der jüngsten Sachlage...
Bliebe bloß noch die Frage nach der Finanzierung. Aber auch diese würde keine unüberwindbare Barriere stellen.
 
"Ich muss eingestehen, dass ich mich noch nicht umfassend mit den sterblichen Berufen der ansässigen Kaniten befasst habe. Derzeit kann ich nicht genau sagen, wer außer Herrn Köning eine medzinische Ausbildung hat. Ich schlage aber vor, dass Sie sich bezüglich dieses Themas mit meiner Seneshall unterhalten. Sprechen Sie einfach mit ihr, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich bin sicher, es wird ihr eine Freude sein."

Das Caitlin eine psychiatrische Ausbildung besaß wollte Lena ihrer Besucherin nicht unbedingt auf die Nase binden. Sollte die Tremere selbst entscheiden, ob sie mit einer Malkavianerin zusammenarbeiten wollte.

"Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich dieses Gespräch an dieser Stelle beenden. Auch wenn ich Ihre Anwesenheit sehr genieße, lässt mir mein Terminkalender leider keine große Flexibilität."
 
"Oh, aber natürlich. Was mich anbelangt sind vorerst alle Unklarheiten beseitigt. So bedanke ich mich ein weiteres Mal dafür, dass Ihr euch gütiger Weise trotz eng bemessenem Terminplan Zeit für mich genommen habt."
Tatsächlich passte der Malkavianerin der Moment recht gut. Sie hatte alle dringenden Fragen gestellt und in durchaus hinlänglichem Maße Antworten auf selbige erhalten. Darüber hinaus konnte sie sich aus den Informationen weit mehr herleiten, als der Prinz in diesem Moment bereits bewusst sein dürfte.
Ausgezeichnet? Ausgezeichnet!

"Das heißt...oh, beinahe hätte ich es ja doch noch vergessen!" Aus ihrer Tasche entnahm die Vampirin die ausgefüllten Anmeldedaten, überreichte sie Lena noch ehe sie sich aufstand.
"Ich glaube es ist angebracht jene Dokumente euch an dieser Stelle noch zu überreichen."

Raven erhob sich, verzichtete dabei jedoch nicht auf eine leichte Verbeugung. Nach ihrem reichlich rasanten Aufstieg innerhalb der städtischen Statusreigen wäre alles weitere wohl übermäßig affektiert erschienen. Nicht, dass sie nicht ohnehin einen gewissen Hang zur Theatralik ihr eigen nennen würde.
"So wünsche ich gemäß der Themis Kind euch, mein Prinz, noch einen möglichst angenehmen, erfolgreichen Morgen. Möge euch die Quadratur des Kreises erspart bleiben."
Mit diesen Worten und einer sicherlich gänzlich anderen Intention im Sinne als dem, was die Prinz hinter dem letzten Satz vermuten könnte, verließ die Psychiaterin das Büro, sofern man sie nicht davon abhalten würde.

Bereits auf dem Weg hinaus gen Automobil nahm Ligeia, deren Gesicht in dem Moment, in dem sie Lena den Rücken zugewandt hatte, bereits wieder jedwede Regung eingebüßt hatte, ihr Mobiltelefon aus der schwarzen Tasche hervor.
Eine SMS an Köning wurde binnen der nächsten Minuten getippt.

"Guten Morgen Herr Köning,
Sollte es Ihnen möglich sein, möchte ich mich gerne recht umgehend, oder aber spätestens im Verlaufe der morgigen Nacht mit Ihnen bereden.
Ich freue mich darauf Sie nach all der Zeit wieder von Angesicht zu Angesicht zu sehen und hoffe auf eine gute, recht fruchtbare Zusammenarbeit im Dienste der Domäne Finstertal.

-Dr. M. L. Raven"

Über Amt und Position schwieg sie sich in der Mitteilung aus.

Madelaine hatte sich derweil gänzlich anderweitig vergnügt. Von Politik verstand sie nicht sonderlich viel, interessierte sich auch kaum dafür. Statt dessen unterhielt sie sich mit anderen über allerlei Nonsense und bedeutsame Nichtigkeiten. Mancher hatte das Schauspiel voll Interesse und Aufmerksamkeit verfolgt, die Gratulanten derweil ihrem Anliegen Ausdruck verliehen.
Allmählich lichtete sich das Treiben, jeder wieder seines eigenen Sinnes Herr und Wirt, zumindest zu größten Teilen. Manche ausgenommen.

Was Caitlyn McKinney anging, so würde es sich die Malkavianerin nicht nehmen lassen selbige am nächsten Abend unmittelbar nach der Primogenssitzung persönlich um ein Gespräch zu ersuchen. Wie hatte ihr Sohn Eric der Brünetten dereinst eingebläut? Niemand mag Spoiler - oder so ähnlich. Warum also einen nicht uninteressanten Plottwist frühzeitig preisgeben und die ganze Spannung ruinieren?
Blieb abzuwarten, wie weit sich Worte an einen Caitiff gerichtet binnen weniger Stunden innerhalb Finstertals verbreiteten - und ob Prinz Cruiz gewillt sein würde ihrer Seneschall die schöne Überraschung vorab zu ruinieren?
Kein sonderlich ambitioniertes Puppenspiel - aber noch immer ein unterhaltsames, ausgesprochen aufschlussreiches Allemal. Einjeder bedarf einer Freizeitbeschäftigung.

Helios Wagen nährte sich allmählich dem glühenden Gestirn.
Ende erster Akt.
 
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