Rezension Sucker Punch [T-Rezi]

Dieses Thema im Forum "Film & Fernsehen" wurde erstellt von Taysal, 8. August 2011.

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    Taysal RSP-Gott

    Sucker Punch


    Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone [T-Rezi]


    Manchmal gibt es Filme, bei denen bleibt einem einfach nur der Atem weg. Sei es weil der Streifen so gnadenlos gut ist oder einfach nur unsäglich mies. "Sucker Punch" gehört zu beiden Sorten Film, denn Macher Zack Snyder gelingt das Kunststück ansehnlichen Müll zu produzieren.

    Mit dem Begriff "Sucker Punch" ist im Boxsport ein unerwarteter Schlag gemeint. Diesen Begriff versucht Snyder auch fleißig auf die dünne Handlung seines Films zu projizieren. Die einzelnen Zwischenstationen und das Filmende selbst präsentieren stets plötzliche Wendungen, die aber allesamt vorhersehbar sind. Eigentlich könnte der Film auch "Punch" heißen. Vorausgesetzt der Filmtitel zielt auf die sportliche Bezeichnung ab. Eventuell bezieht sich der Titel aber auch auf einen "Bitch Move", also einen überraschenden Angriff von hinten. Vielleicht hat Snyder für seinen coolen Film auch nur einen coolen Titel gesucht.

    In "Sucker Punch" dreht sich das Handlungskarussell um Babydoll (Emily Browning), die noch eine jüngere Schwester hat. Die Mutter der beiden Schwestern stirbt und der böse Stiefvater hat nun das Sorgerecht. Kurz darauf ist die jüngere Schwester tot und Babydoll kommt als vermeintliche Mörderin in eine Nervenheilanstalt. Ob sie tatsächlich ihre Schwester mit einem Querschläger tötete oder der Stiefvater einen Mord beging, bleibt übrigens offen und der Fantasie des Zuschauers überlassen. Eventuell wird eine spätere Verkaufsversion des Films Lichts ins Dunkle bringen, denn für die Kinofassung hat Snyder seinen Film um 18 Minuten gekürzt. So konnte er sichergehen, ein PG von 13 zu erreichen. Das ist vor allem für den amerikanischen Markt wichtig. In Deutschland ist der Film ab 16 Jahren freigegeben. Snyder holt mit diesem Kunstgriff jedenfalls so viele Zuschauer wie möglich ins Boot.

    Babydoll kommt jedenfalls in die Nervenheilanstalt. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die Bilder blass, beinahe farblos. Die Handlung spielt in den 50er Jahren des letzten Jahrtausends, erinnert aber auch stark an den düsteren Goth-Style der Batman Verfilmung von Tim Burton. Dadurch ist die Handlung auch gut in der Gegenwart denkbar. Untermalt wird die ganze Szenerie vom Eurythmics-Hit "Sweet Dreams", hier schwermütig gesungen von Emily Browning, der Darstellerin der Babydoll. Bis zu diesem Zeitpunkt verspricht der Streifen einen genialen Film- und Kunstgenuss. Immerhin zeichnete sich Snyder bisher durch Filme wie "300" und "Watchmen – Die Wächter" aus. "Sucker Punch" ist sein erster Film in dem er auch das Drehbuch schrieb und den Snyder selbst produzierte. Seine Frau Deborah war an Drehbuch und Produktion ebenfalls beteiligt.

    Die Eingangsszene ist im englischen Original übrigens etwas eindringlicher. Es kommen einige Schrifttexte vor, die in der deutschen Synchronisation von einem Sprecher aus dem Off übersetzt werden. Das ist ein Stilbruch des Akts, der an sich mit minimaler Sprache auskommt, vor allem durch Bilder und Musik zu überzeugen weiß. Doch weiter.

    Um Babydoll aus dem Weg zu haben veranlasst der Stiefvater eine Lobotomie. Nach einem kurzen Rundgang durch die Anstalt sitzt Babydoll auch schon festgeschnallt auf einem Stuhl und der Eingriff nimmt seinen Gang. Die Farben verändern sich schlagartig, die Szene wird aufgelöst, der Eingriff ist Teil eines Bühnenstücks in einem Bordell. Babydoll taucht nun an anderer Stelle auf, wird als Waise zu Prostitution gezwungen und soll in wenigen Tagen ihre Jungfräulichkeit verlieren.

    Das Bordell gibt es allerdings nur in Babydolls Vorstellungskraft, ist Imagination, zu betrachten durch Babydolls Augen, den Fenstern zur Seele. Diese Konzentration auf die Augen als Portal auf eine andere Ebene kommt im Film übrigens öfter vor, ist zentrales Element.

    Babydoll ist nun im Bordell. Sie macht Bekanntschaften mit anderen Huren. Hier sind nur Rocket (Jena Malone) und Sweet Pea (Abbie Cornish), ebenfalls Schwestern, erwähnenswert. Alle anderen sind nur schmückendes Beiwerk. Jedenfalls wird nun der eigentliche Film eingeläutet, denn natürlich plant Babydoll zu entkommen. Bevor sie einen Plan hat, muss sie jedoch tanzen, denn ihr zukünftiger Liebhaber will unterhalten und bezirzt werden. Babydoll sträubt sich zuerst, lässt sich dann aber gehen. Erneut zoomt die Kamera aufs Auge und schon wird das nächste Portal durchschritten, wird eine weitere Traumwelt aufgefahren.

    Hier ist alles noch heller, noch glänzender. In dieser Traumwelt ist Babydoll eine Kriegerin in Schuluniform. Und natürlich gibt es auch einen Mentor, der ihr sagt was Sache ist, der ihr bei der Flucht helfen will. Dazu sind mehrere Gegenstände von Nöten, die bereits beim Rundgang durch die Anstalt ganz offen ins Zentrum gerückt wurden. So offen, dass es auch der letzte und der dümmste Zuschauer versteht. Zur Sicherheit erklärt Babydoll aber die ganze Sache nochmals ihren Mitstreiterinnen und somit dem Zuschauer.

    Bis zu diesem Punkt ist die Motivation der Figuren noch nachvollziehbar, ergibt auch das Szenenbild halbwegs Sinn. Babydoll fühlt sich unterdrückt, von Männern fremdbestimmt. Das führt zur Projektion des Bordells, zum Zwang, zur Gewalt. Die einzige Hoffnung dieser Situation zu entkommen liegt in der Flucht. Dabei hat jede Aktion in dieser Traumwelt ihr Gegenstück in der Realität. Das ist von großer Bedeutung, denn schlussendlich hat jede Aktion in der nächsten (Action-)Traumwelt ihr Gegenstück in der Traumwelt des Bordells. Klingt ziemlich komplex und anspruchsvoll, daraus könnte was werden. Leider bleibt es beim "könnte".

    Um an die benötigten Gegenstände zu kommen, werden in der letzten Traumwelt nämlich einzelne Missionen erfüllt. Diese Missionen stehen stellvertretend für den Tanz der Babydoll, mit dem im Bordell die Männer abgelenkt werden. Immerhin ist Babydolls Tanz dermaßen atemberaubend, dass sich niemand mehr auf etwas anderes konzentrieren kann. Doof nur, dass keiner dieser Tänze gezeigt wird. Emily Browning wiegt sich ein wenig hin und her, schwupps, schon ist sie in der Traumwelt. Das bedeutet, dass Snyder hier ganz bewusst ein wichtiges und zentrales Element des Films ausblendet. Dabei wäre gerade der Tanz als Ausdruck der Persönlichkeit besonders hervorzuheben. Doch Snyder ersetzt diese Kunstform durch pure Action.

    Diese ist zwar durchweg gut in Szene gesetzt und handwerklich vom Feinsten, doch tatsächlich mangelt es ihr an Seele. Zudem präsentiert Snyder keine eigenen Ideen, sondern bietet nur Versatzstücke aus Comics und Filmen. Das kann er, ebenso wie schnelle Schnitte und rasante Sequenzen. Dazu ein stets passender Sound. Snyders Ursprung aus der Musikvideo-Industrie ist offensichtlich. Das er Vorlagen toll umsetzen kann, hat er ebenfalls bewiesen. Aber vollständig eigenständiges arbeiten am Film, da scheitert der Mann.

    In Babydolls letzter Traumwelt wimmelt es nur von Klischees, mutet jede Sequenz wie ein Videospiel an. Das ist sicherlich Absicht und sicherlich steckt, in Snyders Augen, auch ein tieferer Sinn dahinter. Allerdings scheitert der Regisseur daran, diesen Sinn zu vermitteln. Schlussendlich verheizt er seine Darstellerinnen. Im Bordell schon farblos, verkommen sie im Kampf zu Abziehbildern. Am schlimmsten erwischt es Emily Browning. Je bunter der Film, um so blasser ihre Rolle.

    Die Actionszenen wirken auf den ersten Blick bombastisch und sind gut umgesetzt. Da werden dampfgestriebene deutsche Soldaten aus dem 1. Weltkrieg aufgefahren, feuerspeiende Drachen, Orks wie aus "Der Herr der Ringe", futuristische Städte und sogar ein Mecha, der, das Klischee erfüllend, von einer Asiatin gesteuert wird. Leider sind viele der Einstellungen einfach nur geklaut. Am offensichtlichsten ist das beim Springen der Babydoll, wenn sie wie Trinity aus "Matrix" auf dem Boden landet, die Beine gespreizt um die Wucht aufzufangen, den Arm zum Stützen auf dem Boden und einen verwegenen Blick nach vorne. Seit "Matrix" springen ja vermehrt Actionhelden in diesem Stil herum, und langsam wird es langweilig.

    Der Soundtrack weiß dagegen besser zu unterhalten. Vor allem in Verbindung mit der gezeigten Bildpracht. Es handelt sich durchweg um bekannte Songs, neu aufgemacht oder gar von der Hauptdarstellerin selbst gesungen. "Sweet Dreams" kommt dabei besonders gut weg, aber es gibt auch Stücke von Björk und Queen. Trotz seinem Unterhaltungswert ist der Sound aber kein Höllenfeuer für die Ohren, sondern Durchwachsen mit Highlights. Die Stimmung entsteht vor allem in Verbindung mit den Bildern und der Zuschauer und -hörer sollte gefallen an den Remixes einiger Stücke finden. Puristen werden sich allerdings mit Grausen abwenden.

    Abschließend ist zu sagen: "Sucker Punch" leidet unter fehlender Selbstständigkeit und mangelndem Selbstbewusstsein. Snyders Ideen und Visionen werden mit dem Mainstream verknüpft und erfüllen die Träume des Zielpublikums, zu dem vorrangig weltfremde Nerds, videospielende Geeks und masturbierende männliche Teenager gehören. Deren Träume werde allesamt erfüllt, doch der kunstverliebte Cineast, den es auch nach einer tiefgehenden Geschichte und einer vielschichtigen Charakterzeichnung verlangt, wird auf der Strecke bleiben. Sexy Körper, knappe Klamotten und dicke Wummen alleine sind einfach zu wenig und verweisen "Sucker Punch" auf die ordinären Ränge des glattpolierten Popcornkinos. Kein Vergleich mit kreativen Knallern wie "300" und "Watchmen – Die Wächter". Schade.

    Copyright © 2011 by Günther Lietz

    Diese Rezension erschien zum Zeitpunkt des Eintrags ebenfalls auf Taysals WebBlog und Filmbesprechungen.de.

    Sucker Punch

    Originaltitel: Sucker Punch
    Produktionsland: USA 2011
    Länge: 110 Minuten
    Altersfreigabe: FSK 16

    Regie: Zack Snyder
    Drehbuch: Zack Snyder, Steve Shibuya
    Produktion: Deborah Snyder, Zack Snyder
    Musik: Tyler Bates, Marius de Vries
    Kamera : Larry Fong
    Schnitt: William Hoy


    Darsteller: Emily Browning (Babydoll), Abbie Cornish (Sweet Pea), Jena Malone (Rocket), Vanessa Hudgens (Blondie), Jamie Chung (Amber), Oscar Isaac (Blue), Carla Gugino (Madam Gorski), Jon Hamm (High Roller), Scott Glenn (der Weise)Den Artikel im Blog lesen
     
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