Rezension Nightlife

Nepharite

Erstgeborener
Brian Hodge - Nightlife


[User-Rezi] von Nepharite


Auf Einladung eines alten Freundes, Erik Webber, verlässt der Werbefachmann und Gelegenheitsdealer Justin Gray St. Loius, um sich in Tampa eine neue Existenz aufzubauen. Ein Disco-Ausflug der beiden endet in einem Desaster, weil ein gemeinsamer Bekannter unter dem Einfluss einer neuen Droge -dem Skullflush- mehrere Menschen anfällt und tötet. Der Dealer Tony Mendoza, der auch Gray eine kleine Gratisprobe des Stoffs aufschwatzen konnte, steht damit vor zwei Problemen: erstens könnte die Polizei die Spur der Morde bis zu ihm zurückverfolgen, wenn es ihm nicht gelingt, den letzten Zeugen -eben Justin- zu beseitigen; zweitens sitzt er auf 5kg unverkäuflichem, da äußerst gefährlichem Stoff. Probleme hat auch Kerebawa vom Stamm der Yanomamö: er hat, um großes Unheil zu verhindern, geschworen, das Skullflush, dessen indianischer Name hekura-teri lautet, zurück in den Urwald zu holen, von wo aus es über skrupellose Weiße den Weg in die Zivilisation gefunden hat. Also macht sich der Dealer auf die Jagd nach Justin Gray, während Kerebawa einen Zwischenhändler nach dem anderen aufspürt und umbringt. Als Mendoza Erik Webber auf besonders grausame Weise ermordet, dreht Gray den Spieß um und aus dem Jäger wird ein Gejagter; nur dass dieser Gejagte zwischenzeitlich herausgefunden hat, wie er selbst durch das Skullflush zu einer Bestie mutieren kann, ohne dabei die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren.

Brian Hodge, Jahrgang 1960, gehört mit acht veröffentlichten Romanen, einer Vielzahl von Kurzgeschichten und einigen Award-Nominierungen mittlerweile zu den renommierten Phantastik-Autoren; "Nightlife", im Original schon 1991 erschienen, ist sein dritter Roman.

Die Konstruktion des Romans ist unprätentiös und übersichtlich: drei Handlungsbögen, die sich jeweils um einem der drei Hauptcharaktere ranken und die schließlich für den Showdown zusammengeführt werden, wobei ihre Linearität nur von wenigen Rückblicken, durch welche den Protagonisten eine Vergangenheit und damit eine größere Tiefe verliehen werden soll, unterbrochen wird.
Allerdings ist genau diese Tiefe, die Authentizität und Vielschichtigkeit der Charaktere -insbesondere Mendozas und Grays- zugleich Stärke und Schwäche des Buches, wird sie doch um den Preis eines insgesamt langsamen Erzähltempos erkauft. Zwar unterbricht Hodge die weitschweifigen und ruhigen Passagen immer wieder durch gut getimte Temposteigerungen, durch -im wahrsten Sinne des Wortes- brutale Action, doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Buch gut 100 Seiten zu lang geraten ist und dass andere Autoren mit weniger Worten ähnlich lebendige Figuren erschaffen.

Die Ausgangsidee des Romans -Aktivierung "fossiler" Gene verwandelt Menschen in blutrünstige Bestien- ist zwar nicht neu, allerdings bringt der Autor mit den Yanomanö ein durchaus originelles und eigenständiges Element mit ein. Leider ist die Figur des Kerebawa als einsamer Rächer und dschungelgehärteter Profi-Meuchler relativ stereotyp geraten und verliert zusätzliche Glaubwürdigkeit ab dem Moment, in welchem er auf Gray trifft, da er plötzlich mehr wie zahmes Kätzchen auftritt, denn als gefährliches Raubtier.

Was genau "Nightlife" nun als Horror-Roman qualifizieren soll, bleibt rätselhaft, denn das Grauen manifestiert sich in erster Linie in Form drastischer, brutaler Szenen und nicht in Folge einer unheimlichen, mystisch undurchsichtigen Atmosphäre. Im Gegenteil: der Drogenrausch, die Transformation werden mit fast wissenschaftlich anmutender Distanz analysiert, wobei diese Beschreibungen allerdings eine weitere Stärke des Buches darstellen, nur eben kaum "erschreckend" sind.

Fazit: Alles in allem ein unterhaltsamer und anspruchsvoll geschriebener Thriller, dem allerdings eine straffere Erzählweise gut getan hätte und von dem sich gerade Horror-Fans nicht zuviel Grauen versprechen sollten.Den Artikel im Blog lesen
 
Oben Unten