Nächtens

Lethrael

Schreiberling
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9. März 2004
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Hallo, hiermit gebe ich meine Neueste Kurzgeschichte frei.
MdBg Lethrael
Nächtens.
Kalt und Klar durchstieß das helle Mondlicht den Nebel, der sich wie ein Gespenst flockig und fetzig über das Land bewegte. Frische, köstlich Frische legt sich auf Zunge, Gaumen und Nase wie ein Hauch Ambrosia. Kühle Flusstäler gebären den Nebel, das Wasser wiegte sich zu einer unbekannten Melodie. Ruhig und friedlich lag das Land in tiefen Schlummer, doch laut und grell unterbrach Straßenlärm und Neonlicht den Frieden des Landes.
Musik dröhnte und bunte Lichter zuckten zu einer Melodie, die sich in die Ohren hämmerte, sich in die Knochen fräste und jede Faser des Körpers zittern ließ.
Tanzende, springende Körper wogten sich in einem orgastischen Vergnügen, wie bei einem heidnischen Ritual durch die Disko. Dicker Zigarettenqualm quoll, stickend und Atem raubend in dicken Schwaden durch die Disko, als sei er der Weihrauch des Rituals. Alkohol und Pillen vermischten sich zu einem Cocktail der Lust und der Freude. Niemand dachte an den Morgen, niemand wollte an ihn denken, schließlich hatten alle ihren Spaß.
Alle? Nein, nicht alle. Noch hatte es niemand bemerkt, aber ein junger Mann, eigentlich deutlich zu jung für diesen Ort und für diese Zeit, lag sich die Seele aus dem Leib kotzend auf der Kloschüssel. Es war das erste Mal, das allererst Mal, dass er sich in eine Disko schlich und schon hatte er sich überschätzt. Zuviel Alkohol floss in seinem jungen Körper. Doch er hatte nicht nur getrunken, sondern auch die Pillen eingeworfen, die ihm sein Freund unter die Nase gehalten hatte.
Jetzt zwang ihn dieser Cocktail den Kopf unten zu halten und der drehenden Welt zu zeigen, wie schlecht ihm wirklich war. Fröstelnd und schwitzend gab er die dünne blutrote Suppe frei, die sein Magen hergab. Stechende Schmerzen piesackten ihn und leise stöhnend spürte er, wie sich der widerliche Geruch auf seine, oder eher durch seine Nase legte. Wütend auf sich selbst, doch noch mehr auf seinen Kumpel, der ihn im Stich gelassen hatte, begann er zwischen den Kotzanfällen zu murmeln. „Wär’ ich doch bloß nie hierhin gegangen. Hätt’ ich doch bloß auf Mama gehört.“ Er spürte wieder den Drang sich zu übergeben.
Die Flüssigkeit schob sich brennend und quälend langsam seinen Hals hinauf und ihr scharfer alkoholischer Geschmack wurde von einem sanften metallischen Geschmack begleitet, warm floss ihm die Brühe in die Nase und hinterließ ihren typischen Geschmack auf seiner Zungen und seiner Nase.
Lange würden er und sein Körper diese Kotztriade nicht mehr mitmachen, tausende Lichter flammten vor seinen Augen auf und um ihn herum tanzte das Klo zum Takt des Rhythmus in der Disko. Beinah schien es ihm, als hätte die Tür ein Gesicht, das ihn auslachte. Immer schneller tanzte das Klo um ihn herum, bis er nur noch Schemen erkennen konnte. Dieser Tanz eines Derwisches wirbelte ihn solange hin und her, bis alles dunkel wurde und er hart zu Boden stürzte.
Farbige Träume empfingen ihn, führten ihn fort, weit fort von dieser Welt, in eine Welt aus bunten Lichtern und dröhnenden Rhythmen. Von ihm selbst unbemerkt zuckte sein Körper wurde von Schlägen gebeutelt und sank schließlich zurück.
Sein Traum änderte sich schnell, ein Tunnel aus Licht erschien vor ihm. Ein Drang zog ihn dorthin und er ging.
Sein Körper erschlaffte und nicht einmal die Herz-Lungen Wiederbelebung schien etwas daran zu ändern. Zwei Jugendliche mühten sich ab, doch schließlich konnten sie nicht mehr, ihr Hilferuf verhallte hilflos in den Rhythmen der Musik und der Junge blieb bleich und ohne Lebenszeichen zurück.
Einer der Jungen kümmerte sich um ihn, sanft nahm er ihn auf den Arm und trug ihn hinaus in das Grelle Licht und den lauten Rhythmen der Musik. Doch er blieb nicht stehen und trug ihn weiter, die anderen Menschen in der Disko waren viel zu sehr mit ihrem Ritual beschäftigt, als das sie den Jungen bemerkten, der das Kind raus trug. Hinaus aus diesem Tempel der Drogen und hinein in eine Welt, die ihn kalt und klar empfing. Die Frische blieb, der Mond schien wie immer, doch es geschah nicht jeden Tag, dass ein Kind in einer Disko starb. Der Junge bemühte sich weiter, endlich rief einer der Türsteher einen Krankenwagen, doch der Junge wachte nicht mehr auf.
Rot ging die Sonne auf, löste den Nebel auf und schien unbarmherzig auf die ausgelaugten Körper der Diskogänger und auf das verwaiste Bett…
 
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