Rezension Adventures into Darkness [B!-Rezi]

Tellurian

Ex-M0derat0r
Adventures into Darkness


HERO-System Quellenband


Aus der Tastatur Kenneth Hites kommt dieses seltsame Quellenbuch für HERO-System. Hite, bekannt als Autor der GURPS-Alternate / Infinite Worlds Bücher tut hier was er am besten kann, nämlich alternative Geschichtsschreibung, bei der es Lovecraft inspirierte 4-Color-Superheldencomics gibt. Und um die Abenteuer dieser Superhelden geht es. Das ganze gibt es als .pdf, ist 70 Seiten stark, und durchgehend in vier Farben illustriert.

Adventures into Darkness geht von ein paar Prämissen aus, die das vorzeitige Ableben H.P. Lovecrafts betreffen. Allen voran, dass Lovecraft eben NICHT schon 1937 verstirbt, und dass er darüber hinaus, nachdem er sein Krebsleiden überwunden hat sich von seinen Agenten und Helfern dazu überreden lässt, Comics für Nedor Comics zu schreiben.
Hite ist es gelungen, diesen „alternativen“ Lovecraft sehr „originalgetreu“ zu protraitieren, so hasst der alte Gentleman es zwar, sich für diesen Schund herzugeben, schimpft es sogar „Prostitution“, letztlich aber bleibt ihm auch wegen seiner Geldprobleme wenig anderes übrig.

Dem Unwissenden wird allerdings erst sehr spät – im letzten Kapitel des Buches - enthüllt, dass es sich bei dem alternativen Lovecraft um einen solchen handelt, da die alternative Geschichte im ersten Kapitel nirgends als solche gekennzeichnet ist. Dem Kenner wird natürlich sofort auffallen, dass ein Lovecraft der im Jahr 1939 Comics schreibt nicht der echte sein kann.

Die aus der Feder dieses fiktiven Lovecraft entsprungenen Figuren und deren Abenteuer (bzw. wie man diese spielerisch darstellt) bilden den Kern des Buches.
Es geht hier um Golden Age Superhelden der 40er Jahre, die sich durch von Lovecraft "geschriebene" Geschichten kämpfen, und sich mit cthuloiden Superschurken prügeln. Das interessante daran ist unter anderem, dass diese Figuren durchaus NICHT extra für Adventures into Darkness erfunden worden sind, sondern echte, alte Golden Age Figuren sind, deren Copyright einfach abgelaufen ist, die sich somit in der Public Domain befinden und von jedem frei genutzt werden können. Natürlich sind diese Figuren nicht 1:1 übernommen, hier und da wurden ein paar Mythos-Details wie Ythianer-Sidekicks dazugefügt.
So zum beispiel der "erste von Lovecraft's Superhelden" der Dream Master, eine 4-Color Version von Randolph Carter, dessen Meisterschaft über das Träumen es ihm ermöglicht, in die Träume von Kriminellen einzudringen.
Oder eine mit Carter verwandte alternative Version des - tatsächlich existenten - Fighting Yank, sowie auf der anderen Seite des Spektrums eine aufgepulpte Version von Baron von Junzt, der jedem Mythos-Fan ein Begriff sein sollte, der hier ein übler Mythos-Nazi mit Nazikultisten ist, oder Dagon und die Devilfish als Comicversion der gleichnamigen Kreatur aus dem Mythos und den Wesen aus der Tiefe.

Vom Crunch ist das Buch recht ähnlich aufgebaut wie einige andere HERO-Quellenbücher, wobei hier der Schwerpunkt auf den gut ausgearbeiteten Beispielcharakteren sowie deren Gegenspielern liegt, die Spielfertig im Buch vorhanden sind. Adventures into Darkness muss man sich vom Crunch her als eine Ergänzung zur Regel- und Genrediskussion in Champions vorstellen. Im Buch fehlt jegliche regeltechnische Abhandlung über die Darstellung von Comichelden im HERO-System. Aber AiD ist eben eine Ergänzung und kein eigenständige Genre-Buch wie Champions, Dark Champions oder Ninja Hero.
Dafür lassen sich aber gewisse Herangehensweisen aus den Beispielcharakteren ableiten.
Mit 17 Helden und 12 Schurken ist das zwar gemessen am Predators-Quellenbuch (dem Schurkenband zu Dark Champions) nicht viel, aber allemal ausreichend um ein Gefühl für diese absonderliche alternative retro-Pulp Comicwelt zu entwickeln.

Dazu kommt noch ein ganzes Kapitel, dass sich dem Bau von diesem Geiste entsprechenden Szenarien widmet. Dabei zeigt Hite mehrere Herangehensweisen auf, die je nach gewünschtem Fokus – auf Lovecraftschen Horror oder auf 4-Farbige Golden-Age Pulphelden – und nach der bevorzugten Thematik variieren, ob man jetzt einfach typen in komischen Kostümen haben möchte, die Tentakelmonster verprügeln, oder aber zerrissene Figuren die zwar Superhelden sind, deren Kräfte und Anstrengungen aber letztlich wie so oft bei Lovecraft in Anbetracht der erdrückenden Größe des Kosmos völlig unbedeutend sind.
Obendrauf gibt es dabei noch eine zusätzliche Regeldiskussion darüber, wie man einen Mechanismus für Wahnsinn in HERO-System realisiert. Wie für HERO üblich, ist das allerdings auch wieder ein Vorschlagskatalog, mit einigen interessanten Ideen.

Es handelt sich bei diesem Buch um eine typische Publikation für HERO, was bedeutet, dass der Spielleiter immer noch eine nicht zu vernachlässigende Eigenleistung erbringen muss, um aus den präsentierten Ideen ein schlüssiges und flüssig spielbares etwas zu formen. Wer HERO kennt, wird mit diesem Phänomen längst bekannt sein.
Insgesamt handelt es sich bei Adventures into Darkness um ein sehr interessantes Gedankenspiel von und für Comicliebhaber und Fans des alten Lovecraft in Quellenbuchform. Ansprechende Illustrationen (natürlich 4-Color-Golden-Age Figuren) komplettieren das funktionale Layout.

Das PDF ist durchaus eine Kaufempfehlung wert, auch wenn es vermutlich eher zu denjenigen Sachen gehört, die interessehalber angeschafft werden, und nicht wegen des daraus ziehbaren Nutzens – wobei die enthaltende Regeldiskussion durchaus über den Nutzen im Kontext dieses Quellenbuches hinaus nützlich sein dürfte.

Zuletzt sei angemerkt, dass AiD auch für Mutants & Masterminds sowie Truth and Justice erschienen ist.

The Good
- schönes „Was wäre wenn..“
- ungewöhnlicher Ansatz zum Superheldenspiel
- HERO-Baukasten Phänomen
- ordentliche Menge an Beispielcharakteren
- brauchbare Regeldiskussion

The Bad
- Das HERO-Baukasten Phänonem
- Relativ uninspiriertes Layout
- Charaktrer-Statblöcke, Bilder und Texte sind bisweilen nicht immer zusammenhängend

The Ugly
- Mir über mehrere Seiten lang vormachen zu können, HPL habe tatsächlich Comics geschrieben, bis mir auffiel, das er keinesfalls in den späten 50ern gestorben sein kann...Den Artikel im Blog lesen
 
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